Kalte Finger sind unangenehm, keine Frage. Richtig gefährlich wird es aber erst, wenn die Finger steif werden und ihre Feinmotorik verlieren. Bau damit mal dein Zelt auf, zieh deine Ski aus oder zünde den Winterkocher an. Die Hände verdienen also deine besondere Aufmerksamkeit, weil du sie für fast alle lebenswichtigen Abläufe brauchst und es an den äußeren Extremitäten als Erstes zu Erfrierungen kommt. So weit solltest du es gar nicht erst kommen lassen und dir Gedanken über die richtigen Handschuhe machen. Mit nur einem Paar wirst du dabei nicht auskommen, denn zwischen milden Temperaturen von -5° Celsius und einem Schneesturm besteht ein riesiger Unterschied.
Inhaltsverzeichnis
Warmer Handschuh = keine kalten Finger?
Egal, wie dick ein Handschuh ist, er wärmt nicht, sondern isoliert die warme Hand gegen die kalte Umgebung. Sind deine Hände bereits richtig kalt, wird auch der beste Handschuh sie nicht sofort mit dem Anziehen wieder warm werden lassen. Ziehe bitte trotzdem zügig dickere Handschuhe über, um weiteren Wärmeverlust zu verhindern. Durch Gymnastik mit den Armen kannst du die Hände dann wieder aufwärmen. Hast du trotz Bewegung und warmer Handschuhe kalte Finger, frage dich:
- Bist du am Rumpf warm genug angezogen oder friert dein Körper bereits?
- Bist du erschöpft?
- Hast du ausreichend Energie durch Nahrung aufgenommen?
- Und wenn gar nichts hilft: Lass dich auf das Raynaud-Syndrom untersuchen.
Andererseits können Handschuhe auch wirklich viel zu warm sein, sodass deine Hände schwitzen und das Handschuhfutter feucht wird. Spätestens am kommenden Tag hast du dann ein Problem mit Eis im Handschuh. Es müssen also Handschuhe in verschiedenen Wärmegraden her. Man könnte auch sagen: Die Lösung ist vielschichtiger.
Die Lösung lautet wie so oft: Zwiebelschichten
Als erste Schicht benutze ich Seidenhandschuhe und diese bleiben als Liner über den gesamten Tag an meinen Händen. Bis zu leichten Minusgraden reichen sie mir bei wenig Wind vollkommen aus, da ich grundsätzlich eher gut durchblutete und damit warme Hände habe. Ich trage die Seidenhandschuhe aber auch unter den größeren Überhandschuhen, welche ich je nach Temperatur oder Aufgabe wechsle.
Weil solch dünne Stoffe nie lange halten, nutze ich günstige Seidenhandschuhe von Decathlon. Sie lassen sich leicht einige Male flicken, aber bei längeren Touren (über zwei Wochen) würde ich ein zweites Paar mitnehmen. Andere Linerhandschuhe aus Merino funktionieren sicher ebenfalls.
Zweite Schicht für milde Tage
Wenn es einfach nur ein wenig schattiger wird oder die Finger allgemein kalt werden, ziehe ich ein Paar winddichte Fingerhandschuhe über. Momentan verwende ich einfache Softshell-Handschuhe von Decathlon, um das Mikroplastik-Problem von Fleece zu vermindern. In Bewegung reichen sie mir meist aus. Und sie durchnässen auch weniger schnell als Fleece, wenn ich mal wieder im Schnee lande.
Hilfreich sind spezielle Stoffe an den Fingerspitzen, um damit auch Touchscreens bedienen zu können. Genau wie mit den zuvor genannten Linern lässt sich daher mit diesen Handschuhen noch gut die Fotoausrüstung oder das Smartphone zur Navigation kontrollieren.
Während die einen auf stretchige Softshell-Handschuhe schwören, weil man damit viel Feingefühl hat, bekommen andere darin kalte Finger und entscheiden sich für weiter geschnittene Fleecehandschuhe. Auch das ist also ein Gesichtspunkt.
Zweite Schicht für kühle Tage
Wenn es noch kälter wird oder zum Arbeiten im Schnee, verwende ich warme, wasserdichte Fingerhandschuhe. Zu diesen Aufgaben gehören der Zeltaufbau, das Packen der Pulka oder gröbere Reparaturarbeiten, weil dabei fünf Finger vieles einfacher machen. Dicke Fingerhandschuhe sind der Kompromiss zwischen Isolation und Fingerfertigkeit. Die Fingerhandschuhe sollten möglichst mit einem wasserdichten und diffusionsoffenen Außenmaterial ausgestattet sein, damit sie beim Wühlen im Schnee nicht nass werden, du darin aber auch nicht zu sehr schwitzt. Oft findest du passende Modelle bei den Skihandschuhen. Bei mir ist es seit langer Zeit ein Paar Venediger von Ziener, die es so nicht mehr gibt. Grund für die Wahl war die perfekte Passform für meine Finger und die für mich relevanten Kriterien:
- 5 Finger
- Goretex-Membran
- Daunenfüllung auf der Außenseite
- Lederinnenseite für den Grip
- dicke Armstulpe, winddicht und wärmend
- Handschlaufe als Verlustsicherung
Als wasserdichte Schicht interessant und preislich unschlagbar sind die Arbeitshandschuhe für den Winter von Showa, insbesondere der 282-02. Ich bin bei Fingerhandschuhen ein Fan vom fest vernähten Innenfutter, denn ein loses Futter wird mit feuchten Fingern schnell zur Katastrophe und stülpt sich beim Ausziehen mit heraus. Das ist super nervig. Alternativ kannst du auch deine eigenen Woll-Fingerhandschuhe nur mit einer wasserdichten Außenhaut von Showa erweitern.
Und zweite Schicht für richtig kalte Tage
Spätestens bei sehr niedrigen Temperaturen oder starkem Wind bis hin zu Sturm brauchst du die richtigen Handschuhe: Am besten kommen dann dicke Wollfäustlinge an die Hände, denn nichts hält so zuverlässig warm! Fäustlinge haben den Vorteil, dass die Finger sich gegenseitig besser warmhalten können als im Fingerhandschuh. Allerdings benötigst du dazu noch einen Wind- und Nässeschutz.
Ich habe mich für eine Kombination aus dicker Schladminger-Wolle und einem wasserdichten Überhandschuh entschieden, was mir verschiedene Tragevarianten ermöglicht. Dicke Wollfäustlinge als Innenhandschuhe gibt es auch von Devold oder Woolpower, wobei mir Schladminger-Wolle wärmer erscheint. Wenn es einfach nur sehr kalt aber windstill ist, reichen die Wollfäustel aus und sorgen für ein sehr angenehmes Handklima.
Einen voll expeditionstauglichen Überhandschuh findest du im Brynje Expedtions II aus der Shield Collection mit extra langer Handstulpe. Zwar bietet er innen eine Lage Netzfutter (Luft ist der beste Isolator), aber für richtig kalte Tage benötigst du auch hier zusätzliche Isolation aus Wolle.
Es gibt alternativ auch dicke Fäustlinge mit Innenfäustel aus Kunstfaser- oder Daunenfüllung, allerdings kann ich mit Wolle deutlich fester zugreifen, ohne die Isolation zu komprimieren. Die ausgezeichneten Modelle, die ich kenne, sind die sehr robusten Outdoor Research Alti II Mitts. Den Innenhandschuh würde ich trotzdem gegen einen Wollfäustel tauschen. Gleiches gilt für den preislich attraktiven Mercury Mitt von Black Diamond. Es gibt aber noch viele andere Modelle, die ich nie näher betrachtet habe.
Dritte Schicht für Nässe oder Wind
Zu den genannten Wollfäusteln aus Schladminger-Wolle kombiniere ich zum Schutz vor Nässe oder Wind einen wasserdichten Überhandschuh von Black Diamond. Dieser Überhandschuh passt zusätzlich auch über die normalen Fingerhandschuhe und liefert dort ebenso erstaunlich viel Wärme durch den Windschutz. Das verlinkte Modell von BD ist leichter und weniger robust als mein bisher genutzter Overmitt von Vaude, aber es schmiegt sich viel besser an und lässt mich die Hand besser bewegen. Mehr Bewegung heißt mehr Wärme.
Bei den Überfäusteln achte ich darauf, dass die Wollfäustel beim Ausziehen darin bleiben können und die Kombination mit einer Schur am Handgelenk gesichert werden kann. Fangschnüre verhindern den Verlust und so können die Handschuhe auch einfach kurz herunterhängen, wenn ich in der Pause meine Finger für feinmotorische Aufgaben benötige oder mal ein Foto schießen möchte. Der Verlust eines Handschuhes durch starken Wind ist ein häufigeres Problem auf Wintertouren.
Mit dieser praktischen Umsetzung des Zwiebelprinzips und all seinen Variationsmöglichkeiten bin ich bisher wirklich gut gefahren.
Hinweise zur Passform von Handschuhen
Wichtig bei der Passform von Handschuhen ist vor allem, dass sie innen genügend Platz für die Hände bieten, ohne am Handgelenk einzuengen und im schlimmsten Fall die Blutzirkulation zu behindern. Auch dürfen deine Fingerspitzen nicht zu fest am Handschuh andrücken, weil sonst genau diese Stellen kalt werden. Zwar ist ein zu großer, wackelig sitzender Handschuhe nervig, aber wenn du dich zwischen zwei Größen findest, ist das größere Paar die wärmere Wahl. Am Ende wirst du einfach in mehrere Modelle schlüpfen müssen und schauen, welcher Schnitt zu dir passt.
Handschuhe zum Kochen
Zum Hantieren mit dem Winterkocher im Lager benutze ich dünne Handschuhe als Schutz vor kaltem Metall, der offenen Flamme oder beim Umfüllen von Benzin. Kommt Benzin auf die Haut, verdampft es sehr schnell und verursacht sehr kalte Stellen bis hin zu leichten Erfrierungen.
Und noch ein Beispiel, wie man es nicht machen sollte: Einmal hatte ich beim Kochen die Handschuhe ausgezogen und unachtsam nach einer kalten Pfanne gegriffen. Bei -20° Celsius klebte der Frost diese dann sofort an meinen Fingern fest und ich riss mir vor Schreck etwas der obersten Hautschicht ab. Nicht schlimm, aber eigentlich weiß ich es besser.
Lange Zeit hatte ich zum Kochen einfache Lederhandschuhe aus dem Armeebedarf mit, angeblich das „Ausgehmodell“. Allerdings ist Leder hygroskopisch, nimmt also Feuchtigkeit auf, welche dann einfriert und das Leder steif werden lässt. Zum Schutz habe ich sie gewachst. Inzwischen verwende ich meine Softshellhandschuhe auch direkt am Kocher, weil sie weniger entflammbar sind als meine alten Fleecehandschuhe. Und zum Umfüllen von Benzin habe ich meine wasserdichten Overmitts. Gesonderte Koch-Handschuhe sind also eher ein Luxus auf Genusstouren mit richtigem Kochen, aber dafür durchaus eine Überlegung wert.
Übrigens: Lederhandschuhe zum Kochen zu nehmen, ist auch ein Trick aus dem Beitrag „25 Tipps für deine Zeltküche“.
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Handschuhe zum Schlafen
Das ist ein wirklich spezialgelagerter Sonderfall. Mit trockenen Linern, dünnen Fleece- oder Softshellhandschuhen kannst du dein Abendessen löffeln, aber auch Tagebuch schreiben oder Kreuzworträtsel lösen. Meist reicht das im Zelt als Isolation an den Händen. Aber feuchte Handschuhe sind an den Fingern schnell zu kühl. Ich versuche dann, sie am Kocher ewas zu trocknen, indem ich sie beim Schneeschmelzen auf den Topfdeckel lege. Textilien im Schlafsack zu trocken, versuche ich zu vermeiden, um dort keine Feuchtigkeit einzubringen.
Wenn es nachts wirklich kalt ist, behalte ich meine Hände einfach im Schlafsack oder ziehe die Wollfäustel über. Sollte dir all das nicht reichen, empfehle ich dir aus der guten Erfahrung Mitreisender einen sehr leichten Daunenhandschuh wie den Valandre Oural Neo. Das ist aber ein reiner Camp-Handschuh und nichts für den Alltag.
Weitere Tipps und Tricks für die richtigen Handschuhe
- Dicke Armstulpen wärmen das Handgelenk und schließen den Spalt zwischen Ärmel und Handschuh winddicht ab, dürfen aber nicht zu eng sitzen.
- Dreifinger-Modelle bieten einen Kompromiss zwischen Faust- und Fingerhandschuhen, aber ich persönlich mag das Tragegefühl weniger.
- Das insbesondere bei der Marke Hestra übliche Leder als Handfläche auf der Innenseite der Handschuhe sollte vor Nässe geschützt werden oder muss von Zeit zu Zeit gut imprägniert/gewachst werden, damit es keine Feuchtigkeit aufnimmt. Das gilt natürlich auch für alle anderen Marken.
- Nasse Handschuhe sind grundsätzlich ein Problem: Achte auf gutes Feuchtigkeitsmanagement und schütze die Handschuhe vor Nässe von Innen und Außen.
- Wer wie ich warme Hände hat und dort auch schwitzt, zieht vielleicht Seidenhandschuhe mit Wollfäustlingen einem Kunstfasergewebe vor, weil es sich angenehmer auf der Haut trägt. Die Überfäustlinge als äußere Schicht sollten dann atmungsaktiv sein.
- Falls du doch einmal geschwitzt hast, bewahre die Handschuhe beim kürzeren Ausziehen in der Jacke auf, damit sie innen nicht einfrieren. Das passiert sonst nämlich innerhalb weniger Minuten.
- VBL-Handschuhe (wie OP-Gummihandschuhe) als Barriere gegen Handschweiß mag ich vom Gefühl an den Händen gar nicht. Lieber „schleppe“ ich trockene Ersatzhandschuhe.
- Mindestens für die Innenhandschuhe und für die extra warme Außenschicht würde ich einen Ersatz einplanen oder im Notfall andere Handschuhe miteinander kombinieren können. Auch hier kann man sich im Team gut aufteilen.
- Von beheizbaren Handschuhen halte ich mangels Auflademöglichkeit auf Wintertouren nichts, da gibt es bessere Möglichkeiten zum Wärmen am Abend.
Wie du siehst, sind die richtigen Handschuhe für Wintertouren nicht ein einzelnes Paar, sondern eher verschiedene Handschuhschichten. Eine vielseitige Zusammenstellung ist sehr sinnvoll und entspricht dem winteroptimierten Zwiebelprinzip der sonstigen Kleidung.
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