Redundanz und Ersatzteile auf Wintertour

Sicherheit steht bei der Ausrüstung auf Wintertouren an erster Stelle. Dafür gibt es hohe Mindestanforderungen an die Ausrüstung in puncto Robustheit und Verlässlichkeit. Für die wichtigsten Gegenstände sollte sogar Redundanz als Reserve vorhanden sein. Da kommt schnell zusätzliches Gewicht zusammen. Ein Kilo mehr oder weniger macht in der Pulka zwar nicht ganz so viel aus wie im Rucksack. Trotzdem halte ich viel davon, auch im Winter am Gewicht zu sparen. In diesem Beitrag geht es darum, wann Ersatzteile auf Wintertouren sinnvoll sind. Und ich zeige dir, wie du deine Ausrüstung clever aufeinander abstimmst.

Inhaltsverzeichnis

An mancher Ausrüstung hängt viel

Ich gehe davon aus, dass deine Ausrüstung im Wesentlichen den Kriterien für Ausrüstungsgegenstände auf Wintertouren entspricht: robust, kältefest, einfach konstruiert und platzsparend zu verstauen. Nun geht es aber darum, das Risiko eines Ausfalls oder Verlustes abzuschätzen.

Wie schnell es gehen kann, dass der (einzige) mitgeführte Kocher auf Solotour nicht mehr funktioniert, zeigt die Geschichte von Gina Johansen auf ihrer Tour durch die Finnmarksvidda. Das Pumpenleder ihres Benzinkochers war beschädigt und sie konnte keinen Druck mehr in der Flasche aufbauen. Trotz stundenlanger Versuche war es nicht zu reparieren. Zum Glück hatte sie noch ein paar Schlucke Wasser und Knäckebrot, aber weder ein Pumpenleder im Reparaturset noch einen Ersatzkocher. Mit noch mehr Glück traf sie am nächsten Tag bei bestem Wetter zwei Samen auf Schneescootern, die sie retten konnten. Das hätte auch anders ausgehen können.

Redundanz schafft Sicherheit

Zunächst solltest du dir deine Ausrüstung ansehen. Frage dich bei jedem Teil, was passieren würde, wenn dir dieses Teil kaputt oder verloren ginge. Halb so schlimm oder eine echte Katastrophe? Für alle unentbehrlichen und damit kritischen Gegenstände solltest du nun über Redundanz oder einen Plan B nachdenken. Eine defekte Fotokamera wirst du eher verschmerzen können als den defekten Kocher. Aber es muss gar nicht exakt der gleiche Kocher noch einmal im Gepäck sein. Bei vielen Ausrüstungsgegenständen reicht ein einfaches Backup:

  • Ein Feuerstahl funktioniert auch dann noch, wenn die komfortablen Streichhölzer nass geworden sind.
  • Ein Spirituskocher wie der Trangia Triangle ist zwar langsam, aber ein unverwüstlicher Notkocher, wenn der Winterkocher den Geist aufgibt. Denke an den Spiritus dafür.
  • Eine dünne Hardshell-Tourenjacke für Regentage ersetzt im Notfall auch meine Etaproof-Tourenjacke.
  • Zwei Isomatten können sich im Notfall gegenseitig ersetzen. Eine davon ist immer eine Evazote-Matte und damit „unkaputtbar“. Wegwehen kann sie trotzdem, also zwei Matten.
  • Karte und Kompass zusammen mit einem GPS verdoppeln die Möglichkeiten zur Navigation und kommen sowieso mit. Auch eine Karte auf dem Smartphone kann helfen, sollte aber nicht fest eingeplant werden, da ein Handy zu empfindlich ist.

Im Notfall kannst du viele Ausrüstungsgegenstände mit anderen Dingen aus dem Gepäck ersetzen und so Gewicht sparen. Einige Beispiele für solche Querverwendung als Ersatzteile auf Wintertour aus meiner Erfahrung sind:

  • Die Hardshellhose oder Daunenhose sind das notdürftige Backup zur Softshell-Tourenhose.
  • Das Multitool mit Zange ersetzt die verschollene Topfzange.
  • Sämtliche Packsäcke sind im Notfall als Schneeanker zu verwenden.
  • Eine Wechselsocke kombiniert mit einem kleinen Packsack dient als zusätzlicher Handschuh, zumindest bis zum Ausstieg aus der Tour.
  • Der dicke Buff mit geschlossener Kapuze kann eine Weile eine Mütze ersetzen, die z. B. am Körper trocknen muss.
  • Ein Windsack dient als Backup für das Zelt.

Die Grenzen von Redundanz

Gerade der letzte Punkt macht deutlich, wo die Grenzen der mitgeführten Ersatzteile auf Wintertour liegen. Denn kaum jemand wird ein zusätzliches Zelt mitschleppen wollen. Bei der Zeltwahl kommt es also in besonderem Maße auf die Ausfallsicherheit an. Du solltest dir auch über ausreichend Reparaturmöglichkeiten Gedanken machen. Flicken, Garn, Silnet oder Seamgrip und zwei Reparaturhülsen plus Ersatzsegment für das Gestänge gehören immer ins Gepäck. Ein komplettes Ersatzgestänge (für jede benötigte Länge am Zelt) kann in abgelegenen Gegenden ebenfalls sehr nützlich sein. Zusätzlich ist der erwähnte Windsack eine Reserve für deine Kräfte, da du mit ihm auch ohne Not bei Wind angenehme Pausen einlegen kannst.

Improvisierte Aufnahme am Pulka-Gestänge (Foto: Lutz Grünke)
Improvisierte Aufnahme am Pulka-Gestänge

Was passiert, wenn …?

Am wichtigsten ist es, eigene Antworten auf Fragen wie die folgenden zu finden:

  • Was passiert, wenn … verloren geht oder beschädigt wird?
  • Wie verhalte ich mich, wenn … passiert?
  • Womit könnte ich … ersetzen?

Spiele diese Fragen vor allem für sehr schlechte Bedingungen wie Schneesturm mit schlechter Sicht oder extremer Kälte durch. Oft führen solche Überlegungen auch dazu, dich besser davor zu schützen, dass eine gefährliche Situation überhaupt eintritt: Wenn du dein Zelt beim Aufbau immer zuerst an der Pulka befestigst, kann es dir kaum wegfliegen. Das Risiko wird dadurch geringer und dein Plan B kommt hoffentlich nie zum Einsatz. Allerdings erfordern solche Routinen immer Übung und Disziplin.

Schwierig finde ich die Antwort auf die Frage: Was passiert, wenn mein Schlafsack wegfliegt oder seine Funktion verliert? Daunenjacke, Thermohose und Füßlinge reichen in der Regel nicht aus, um mehrere Nächte zu überstehen. Wie kann ich also besonders auf den Schlafsack achtgeben? Kann ich auf Hütten ausweichen? Hier bin ich an euren Ideen interessiert und wie ihr dazu steht.

Perfekte Ausrüstung funktioniert auch mit Beschädigung

Es gilt, auf Konstruktionen zu achten, die selbst bei Beschädigung noch (notdürftig) funktionieren. So musst du weniger Ersatzteile auf Wintertour mitführen. Ein Beispiel für eingebaute Redundanz ist das Pulkagestänge von Acapulka. Anders als bei vielen anderen Gestängen, wird die Pulka dabei nicht über das Gestänge selbst gezogen, sondern über ein innenliegendes Drahtseil. Bricht dir bei einem Sturz das Gestänge, kannst du die Pulka trotzdem weiterziehen. Ich habe diese Funktionsweise bei meinem selbstgebauten Pulka Gestänge übernommen.

Perfekt ist diese Variante dennoch nicht: Sollte eine der Ösen vom Ende des Drahtseils abreißen, ist auch hier die Funktion des Gestänges für die Tonne. Die Lösung des einen Problems kann ein ganz neues Problem schaffen. Blickt man auf die Wahrscheinlichkeit eines Schadens, ist ein Gestängebruch bei einem Sturz das häufigere Problem. Sinnvolle Redundanz wäre dennoch ein leichtes Stück Reepschnur von etwa sechs Metern.

Ein Gegenstand – mehrere Anwendungen

Spannend finde ich die Tricks und Kniffe, die mir das Leben leichter machen, ohne zusätzliches Gewicht zu bedeuten. Wenn ich also Ausrüstung, die ich sowieso dabeihabe, mehrfach verwenden kann, schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe:

  • Ski und Skistöcke werden als zusätzliche Schneeheringe genutzt.
  • Die halbleeren Pulkas dienen nachts als einfacher Windschutz für das Zelt.
  • Mein Wäschesack fürs Zelt ist nachts mein Kopfkissen.
  • Statt eines zusätzlichen Warmhaltebeutels für Tütengerichte verwende ich meine Mütze, in der das Essen zieht, während die Mütze vielleicht etwas trocknen kann.
  • Meine VBL-Socken sind ursprünglich 6-Liter-Gefrierbeutel und dienen nach Gebrauch noch als Müllbeutel für Lebensmittelverpackungen, Teebeutel usw. Die Ziplockbeutel der Essensrationen können sogar für benutztes Toilettenpapier genutzt werden.
  • Meine Trinkflasche kommt abends als Wärmflasche in den Schlafsack. Da ich Schuhgröße 45 habe, passen auch meine Socken um die Nalgene und können im Zweifelsfall dort etwas trocknen.
  • Morgens zum Start wickle ich die mit heißem Wasser gefüllte Nalgene in meine Daunenjacke ein. So sind beide in der ersten Pause noch warm und ich spare mir eine zusätzliche Isolierhülle. Später am Tag gibt es dann den Tee aus der Thermoskanne.
Ich hatte keine Ersatzski, als mir meine Skibindung herausgerissen ist (Foto: Malte Hübner)
Ich hatte keine Ersatzski, als mir meine Skibindung herausgerissen ist

Wo liegen die Grenzen der Ersatzteile auf Wintertour?

Die Beispiele oben waren das Zelt und der Schlafsack, welche (üblicherweise) nicht doppelt mit auf Tour kommen. Auch bei der schweren Schneeschaufel muss ein Exemplar pro Person ausreichen. Auf Solotouren gibt es dafür also kein Backup, obwohl sie wirklich wichtig ist. Ersatzski würde ich auf normalen Touren nie mitnehmen. Aber wie ist es mit einer Ersatzbindung oder einem zusätzlichen Skistock? Oder einem vollwertigen zweiten Winterkocher?

Hier würde ich die Mitnahme von verschiedenen Faktoren abhängig machen. Meist genügt ein Kocher für zwei Personen. Ist man zu dritt unterwegs, sollte also sowieso ein zweiter Winterkocher mit ins Gepäck und ist dann gleich das Backup für alle. Geht es in hüttenlose Gebiete, wird ein zusätzlicher Kocher plötzlich viel lebenswichtiger, weil du ohne ihn nicht einmal an Wasser kommst. Um bei dem eingangs erwähnten Beispiel des defekten Kochers zu bleiben: Mindestens ein vollständiges Reparaturset mit Pumpenledern, Dichtungen und passenden Ersatzteilen gehört immer ins Gepäck. Selbstredend solltest du den Umgang damit auch entsprechend gut beherrschen.

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Einen zusätzlichen Skistock oder eine Ersatzbindung würde ich meist erst ab zwei oder drei Personen mitnehmen, wenn man sich das zusätzliche Gewicht teilen kann. Ein paar Ersatzschrauben für die Bindung wiegen aber nicht viel und sollten auch auf Solotour ins Werkzeugset.

Kann ich mich auf alles vorbereiten?

Ein klares Jein! Es geht hier um eine individuelle Risikoabwägung und die damit verbundene Risikominimierung durch Vorüberlegungen. Dazu habe ich dir hier meine Gedanken und Lösungen aufgezeigt, aber du musst dich letztendlich mit deinen Fragen selbst beschäftigen. Das ist die beste Vorbereitung und übt dich darin, im Bedarfsfall schnell umzudenken.

Auf der anderen Seite kannst du zwar alle erdenklichen Ersatzteile auf Wintertour mitnehmen, es kann aber immer etwas schiefgehen, mit dem du (bis dahin) überhaupt nicht gerechnet hast. Dann ist Improvisation gefragt, wie bei diesem gebrochenen Skistock. Ein gut sortiertes Werkzeugset ist dabei immer hilfreich.

Meine Empfehlung an dich ist es, dir sorgfältig eine Redundanz für alle wichtigen Ausrüstungsgegenstände zu überlegen bzw. zu wissen, auf welche Gegenstände du besonders achten musst. Und dann sind da noch die richtigen Verhaltensweisen, wie sie in den Fjellsicherheitsregeln aufgeführt sind. Dort heißt es: Umkehren ist keine Schande. Das gilt umso mehr, wenn sich schon früh Probleme mit der Ausrüstung andeuten. Dann solltest du lieber in Sicherheit überlegen, was du verbessern könntest.

Jetzt bist du an der Reihe. Welche Fragen hast du? Was gefällt dir an diesem Beitrag? Was möchtest du ergänzen? Lass es mich in einem Kommentar wissen.

7 Gedanken zu „Redundanz und Ersatzteile auf Wintertour“

  1. Gina habe ich kurz nach dem Kocherproblem in der Hütte am Pihtsusjärvi getroffen. Mir schien, dass sie ihre Tour ohne allzu viel Wintererfahrung begonnen und sich im Vorfeld nicht mit solchen Situationen auseinandergesetzt hatte. Barbara ist – nicht nur in der Hinsicht – ganz anders drauf. Echte Improvisationskunst!

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  2. Für den Fall eines ausfallenden Schlafsacks beruhige ich mich bisher mit dem Gedanken an den bau einer Schneehöhle um die Temperatur aushaltbar zu machen. Eine andere Idee ist auch noch statt einem Windsack eine Winter Jervenduk (Norwegisches, etwas universelleres pendant zu einem Windsack). Die Jervenduk haben wir abends zum kochen in den Eingang zum Innenzelt runter in den ausgehobenen Kältegraben im Vorzelt gehängt um da schneefreier und gemütlicher sitzen zu können.
    Als generelles not-reparaturobjekt finde ich Skistraps (oder auch Helistraps genannt) eine der besten sachen. Hilft, wenn die Felle nicht halten, zum schienen von Verletzungen in kombination mit der Schaufel (da vermutlich auch um einen gebrochenen Skistock zu schienen) und für so ziemlich alles wo man sonst Klebeband oder Kabelbinder bräuchte, die eben nur zum einmalgebrauch taugen. Von den Skistraps habe ich immer mindestens 3-4 dabei und die kommen auch immer zu einem guten Einsatz, auch wenns nicht überlebenswichtig ist

    Antworten
    • Hallo Philipp,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Eine Schneehöhle ohne Schlafsack wäre schon extrem, aber wenn der Schlafsack noch etwas taugt, geht es vielleicht. Oder mit einem Fjellduken.
      Aber hast du schon einmal eine Schneehöhle gegraben? Zwei Stunden muss ich da schon für veranschlagen. Das ist also echt nur für den Notfall, aber darum geht es auf der Seite ja auch.

      Die Skistraps klingen super, die besorg ich mir auch mal. Kenne das Prinzip von den MSR Schneeschuhen und die halten eine Menge aus. Danke dafür.

      Viele Grüße
      Malte

  3. Hej Malte,
    wie ist deine Meinung zu nem Ersatz-Ski nach deiner letzten Tour? Wenn ich es richtig verstanden habe, hatte es deinen einen Ski zerstört und die Bindung war nicht wieder zu befestigen.
    Tolle Seite ansonsten, komme öfter vorbei.
    Viele Grüße
    Mario

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    • Hej Mario,
      danke! Für die normale Wintertour ins Fjell würde ich weiterhin keine Ersatzskier mitschleppen. In einer Gruppe von Leuten mit gleichem Bindungssystem könnte sich ein Paar zusätzlicher Ski vielleicht noch lohnen, aber auch dann denke ich eher an abgelegenere Gebiete wie den Sarek NP usw. Meine Ski hat es in sofern „zerstört“, dass der Holzkern feucht geworden war und die Schrauben der Bindung herausgerissen sind. Meine Ski waren nun allerdings auch alt und gut genutzt, vielleicht hätte ich mit Ermüdung rechnen sollen. Mit ein paar Streichhölzern konnte ich die Schrauben dübeln und für die Kilometer mit zum Ausstieg wieder einschrauben. Ich hätte sogar noch einen Bohrer für neue Löcher und 2-K-Kleber dabei gehabt, aber dem feuchten Kern wollte ich nicht mehr vertrauen. Eher würde ich empfehlen, bei der Bindungsmontage (selbst oder vom Fachgeschäft) explizit auf guten Bindungsleim zu achten, damit gar keine Feuchtigkeit eindringen kann. Kurzum: Ersatzski auf normaler Tour eher nicht.
      Viele Grüße
      Malte

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