Redundanz und Ersatzteile auf Wintertour

Als Ersatz für den Winterkocher kann entweder ein zweites Modell oder ein Notkocher mit auf Wintertour.
Als Ersatz für den Winterkocher kann entweder ein zweites Modell oder ein Notkocher mit auf Wintertour. (Foto: Malte Hübner)

Sicherheit steht bei der Ausrüstung auf Wintertouren an erster Stelle. Dafür gibt es hohe Mindestanforderungen an die Ausrüstung in puncto Robustheit und Verlässlichkeit. Für die wichtigsten Gegenstände braucht es sogar Redundanz als Reserve. Das schafft schnell zusätzliches Gewicht. Zwar macht ein Kilo mehr oder weniger in der Pulka nicht ganz so viel aus wie in einem Rucksack, aber dennoch halte ich viel davon, auch im Winter am Gewicht zu sparen. In diesem Beitrag geht es darum, wann Ersatzteile auf Wintertour sinnvoll sind und wie du deine Ausrüstung clever aufeinander abstimmen kannst.

Ich setze einmal voraus, dass deine Ausrüstung im Wesentlichen den Kriterien für Ausrüstungsgegenstände auf Wintertouren entspricht: robust, kältefest, einfach konstruiert und platzsparend verpackbar. Nun geht es aber darum, das Risiko eines Ausfalls oder Verlustes abzuschätzen.

Wie schnell es gehen kann, dass der (einzige) mitgeführte Kocher aus Solotour nicht mehr funktioniert, zeigt die Geschichte von Gina Johansen auf ihrer Tour durch die Finnmarksvidda. Das Pumpenleder ihres Benzinkochers war beschädigt und sie konnte keinen Druck mehr in der Flasche aufbauen. Trotz stundenlanger Versuche ließ es sich nicht reparieren. Sie hatte zum Glück noch ein paar Schlucke Wasser und Knäckebrot, aber weder ein Pumpenleder im Reparaturset noch einen Ersatzkocher. Zu ihrem großen Glück hat sie am nächsten Tag bei bestem Wetter ein paar Sami getroffen, die sie retten konnten. Das hätte auch anders ausgehen können.

Redundanz schafft Sicherheit

Als erstes solltest du dir deine Ausrüstung vor Augen führen und dich bei jedem Teil fragen, was passieren würde, wenn dir dieses Teil kaputt oder verloren ginge. Halb so wild oder echte Katastrophe? Für alle unentbehrlichen und damit kritischen Gegenstände solltest du nun über Redundanz oder einen Plan B nachdenken. Eine defekte Kamera wirst du eher verschmerzen können als den defekten Kocher. Aber es muss gar nicht exakt der gleiche Kocher noch einmal im Gepäck sein. Bei vielen Ausrüstungsgegenständen reicht ein einfaches Backup für die komfortable Variante:

  • Ein Feuerstahl funktioniert auch dann noch, wenn die komfortablen Streichhölzer nass geworden sind.
  • Ein Spirituskocher wie der Trangia Triangle ist zwar langsam, aber ein unverwüstlicher Notkocher, wenn der Winterkocher den Geist aufgibt.
  • Eine dünne Hardshelljacke für Regentage ersetzt im Notfall auch meine Etaproof-Tourenjacke.
  • Zwei Isomatten können sich notfalls gegenseitig ersetzen. Eine davon ist immer eine Evazote-Matte und damit „unplattbar“. Wegwehen kann sie trotzdem, also zwei.
  • Karte und Kompass zusammen mit einem GPS doppeln die Möglichkeiten zur Navigation und kommen eh zusammen mit. Auch eine Karte auf dem Smartphone kann helfen, sollte aber nicht fest eingeplant werden, da ein Handy zu empfindlich ist.

Häufig benötigst du gar nicht exakt den gleichen Ausrüstungsgegenstand noch einmal im Gepäck, sondern kannst diesen (im Notfall) mit anderen Dingen ersetzen und dadurch Gewicht sparen. Einige Beispiele für solche Quernutzung als Ersatzteile auf Wintertour aus meiner Erfahrung sind:

  • Die Hardshellhose oder Daunenhose ist das notdürftige Backup zur Softshell-Tourenhose.
  • Das Multitool mit Zange ersetzt die verschollene Topfzange.
  • Sämtliche Packsäcke sind im Notfall als Schneeanker zu verwenden.
  • Nur als Ersatz für den Notfall: Eine Wechselsocke kombiniert mit einem kleinen Packsack dient als zusätzlicher Handschuh, zumindest bis zum Ausstieg aus der Tour. Der dicke Buff mit geschlossener Kapuze kann eine Weile eine dünne Mütze ersetzen, die z. B. am Körper trocknen muss.
  • Ein Windsack dient als Backup für das Zelt.

Die Grenzen von Redundanz

Gerade am letzten Punkt wird deutlich, wo die Grenzen der mitgeführten Ersatzteile auf Wintertour liegen, denn die wenigsten werden wohl ein zusätzliches Zelt mitschleppen wollen. Bei der Zeltwahl geht es also in besonderem Maße um die Ausfallsicherheit. Du solltest dir daher über ausreichend Reparaturmöglichkeiten Gedanken machen. Flicken, Garn, Silnet oder Seamgrip und zwei Reparaturhülsen plus Ersatzsegment für das Gestänge gehören immer ins Gepäck. Ein komplettes Ersatzgestänge (für jede benötigte Länge am Zelt) kann in abgelegenen Gegenden ebenfalls sehr sinnvoll sein. Zusätzlich ist der genannte Windsack eine Reserve für deine Kräfte, da du mit ihm auch ohne Not bei Wind angenehme Pausen machen kannst.

Was passiert, wenn…?

Am wichtigsten ist es, eigene Antworten auf Fragen wie die folgenden zu finden:

  • Was passiert, wenn … verloren oder kaputt geht?
  • Wie verhalte ich mich, wenn … passiert?
  • Womit könnte ich … ersetzen?

Spiele die Fragen vor allem für sehr schlechte Bedingungen wie Schneesturm mit schlechter Sicht oder extremer Kälte durch. Oft führen solche Überlegungen auch dazu, sich besser davor zu schützen, dass eine gefährliche Situation überhaupt eintritt: Wenn du dein Zelt beim Aufbau immer zuerst an die Pulka bindest, kann es dir kaum noch wegfliegen. Das Risiko wird dadurch geringer und dein Plan B kommt hoffentlich nie zum Tragen. Allerdings brauchen solche Routinen auch immer Übung und Disziplin.

Schwierig finde ich die Antwort auf die Frage: Was passiert, wenn mein Schlafsack wegfliegt oder seine Funktion verliert? Daunenjacke, Thermohose und Füßlinge werden in der Regel nicht ausreichen, um damit mehrere Nächte durchzustehen. Wie kann ich also besonders auf den Schlafsack achtgeben? Kann ich auf Hütten ausweichen? Hier bin ich an euren Ideen interessiert und wie ihr dazu steht.

Perfekte Ausrüstung funktioniert auch mit Beschädigung

Es geht dabei darum, auf Konstruktionen zu achten, die selbst bei Beschädigung (notdürftig) weiter funktionieren. So brauchst du weniger Ersatzteile auf Wintertour mitzuschleppen. Ein Beispiel für den Versuch von eingebauter Redundanz ist das Pulkagestänge von Acapulka. Anders als bei manchen anderen Gestängen, wird die Pulka dabei nicht über das Gestänge selbst gezogen, sondern über ein innenliegendes Drahtseil. Bricht dir bei einem Sturz das Gestänge, kannst du die Pulka dennoch weiterziehen. Ich habe diese Funktionsweise bei meinem selbstgebauten Pulka Gestänge übernommen.

Perfekt ist diese Variante dennoch nicht: Sollte eine der Ösen vom Ende des Drahtseils abreißen, ist auch hier die Funktion des Gestänges für die Tonne. Die Lösung des einen Problems kann ein ganz neues Problem ermöglichen. Hier geht es aber um Wahrscheinlichkeiten eines Schadens und da ist ein Bruch bei einem Sturz das häufigere Problem. Ein sinnvolles Backup wäre dennoch ein leichtes Stück Reepschnur von etwa sechs Metern.

Ein Gegenstand – mehrere Anwendungsmöglichkeiten

Ebenso spannend finde ich die Tricks und Kniffe, die mir das Leben leichter machen, ohne zusätzliches Gewicht zu bedeuten. Wenn ich also Ausrüstung, die ich sowieso dabeihabe, mehrfach nutzen kann, schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe:

  • Ski und Skistöcke werden als zusätzliche Schneeheringe mitgenutzt.
  • Die halbleeren Pulkas dienen nachts als einfacher Windschutz für das Zelt.
  • Mein Wäschesack fürs Zelt ist nachts mein Kopfkissen.
  • Statt eines extra Warmhaltebeutels für Tütengerichte nehme ich eine Mütze, in der das Essen zieht, während die Mütze vielleicht etwas trocknen kann.
  • Meine VBL-Socken sind eigentlich 6-Liter-Gefrierbeutel und dienen nach Verwendung noch als Müllbeutel für Lebensmittelverpackungen, Teebeutel usw. Die Ziplockbeutel der Essensrationen können sogar für benutztes Toilettenpapier genutzt werden.
  • Meine Trinkflasche kommt abends als Wärmflasche in den Schlafsack. Da ich Schuhgröße 45 habe, passen auch meine Socken um die Nalgene und können im Zweifel dort etwas trocknen.
  • Morgens zum Start wickele ich die mit heißem Wasser gefüllte Nalgene in meine Daunenjacke ein. So sind beide in der ersten Pause noch warm und ich spare mir eine extra Isolationshülle. Später am Tag gibt es dann den Tee aus der Thermoskanne.

Wo liegen die Grenzen der Ersatzteile auf Wintertour?

Beispiele oben waren das Zelt und der Schlafsack, welche (üblicherweise) nicht doppelt mit auf Tour kommen. Auch bei der schweren Schneeschaufel muss ein Exemplar pro Person reichen. Auf Solotour gibt es also kein Backup dafür, obwohl sie wirklich wichtig ist. Ersatzski würde ich auf normalen Touren ebenfalls nie mitnehmen. Aber wie ist es mit einer Ersatzbindung oder einem extra Skistock? Oder einem vollwertigen zweiten Winterkocher?

Hier würde ich die Mitnahme von verschiedenen Faktoren abhängig machen. Ein Kocher genügt meist für zwei Personen. Ist man zu dritt unterwegs, sollte also sowieso ein zweiter Winterkocher mit ins Gepäck und ist dann gleich das Backup. Geht es in hüttenlose Gebiete, wird ein zusätzlicher Kocher plötzlich viel lebenswichtiger, weil du ohne ihn meist nicht einmal an Wasser kommst. Um bei dem eingangs genannten Beispiel des defekten Kochers zu bleiben: Mindestens ein vollständiges Reparaturset mit Pumpenledern, Dichtungen und ein paar Ersatzteilen muss immer ins Gepäck. Natürlich solltest du den Umgang damit auch entsprechend gut beherrschen.

Einen zusätzlichen Skistock oder eine Ersatzbindung würde ich meist erst ab zwei oder drei Personen mitnehmen, da man sich das zusätzliche Gewicht teilen kann. Ein paar Ersatzschrauben für die Bindung wiegen aber nicht viel und können auch auf Solotour ins Werkzeugset.

Kann ich mich auf alles vorbereiten?

Ein klares Jein! Es geht hier um eine individuelle Risikoabwägung und damit verbundene Risikominimierung durch Vorüberlegungen. Dafür kann ich dir hier meine Gedanken und Lösungen offenlegen, aber du musst dich letztendlich mit deinen Fragen selbst beschäftigen. Das ist die beste Vorbereitung und übt dich darin, im Bedarfsfall schnell umzudenken.

Andererseits kannst du zwar alle erdenklichen Ersatzteile auf Wintertour mitschleppen, es kann aber immer etwas schiefgehen, mit dem du (bis dahin) überhaupt nicht gerechnet hast. Oft ergeben sich in solchen Situationen Möglichkeiten zur Improvisation wie bei diesem gebrochenen Skistock. Eine gutes Werkzeugset ist dabei immer hilfreich.

Meine Empfehlung ist es, sich sorgfältig Redundanz für alle wichtigen Ausrüstungsgegenstände zu überlegen oder zu wissen, auf welche Dinge du besonders achtgeben musst. Und dazu kommen dann die richtigen Verhaltensweisen, wie sie in den Fjellsicherheitsregeln aufgeführt sind. Dort heißt es: Umdrehen ist keine Schande. Das gilt umso mehr, wenn sich schon früh Probleme mit der Ausrüstung andeuten. Dann sollte man besser in Sicherheit überlegen, was man verbessern sollte.

Jetzt bist du an der Reihe. Gefällt dir der Beitrag oder möchtest du etwas ergänzen? Dann freue ich mich über deinen Kommentar.

Ein Kommentar zu „Redundanz und Ersatzteile auf Wintertour

  1. Gina habe ich kurz nach dem Kocherproblem in der Hütte am Pihtsusjärvi getroffen. Mir schien, dass sie ihre Tour ohne allzu viel Wintererfahrung begonnen und sich im Vorfeld nicht mit solchen Situationen auseinandergesetzt hatte. Barbara ist – nicht nur in der Hinsicht – ganz anders drauf. Echte Improvisationskunst!

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