Etaproof-Anorak selbst genäht

Ein selbst genähter Etaproof-Anorak bietet die Möglichkeit, alle Wünsche zu verwirklichen. (Foto: Malte Hübner)

Die richtige Jacke für den Winter zu finden, ist gar nicht so leicht. Viele schwören auf Hardshell-Jacken gegen den schneidenden Wind. Leider sind diese bei strengem Frost nicht atmungsaktiv und an der Innenseite kann sich eine Eisschicht bilden. Klassische Polar-Anoraks aus Baumwolle sind hingegen schwerer zu bekommen. Warum also nicht selber nähen?

Der Weg zur Idee für eine eigene Jacke

Bis vor zwei Jahren war ich im Winter ebenfalls mit einer Hardshell-Jacke aus Gore-Tex Pro Shell unterwegs. Es handelte sich dabei um die Adidas Super Trekking, an der ich die Kapuze mag, die bei mir einfach gut sitzt. Und für eine Gore-Tex-Jacke in der Qualität ist sie auch wunderbar bezahlbar geblieben. Ich habe sie auch heute noch immer als Regenjacke auf Wintertouren dabei. Dennoch war ich mit dieser Wahl nicht immer ganz zufrieden.

Da ich zum Schwitzen neige, hat sich an der Innenseite der Jacke ein Eispanzer gebildet. Vorwiegend passierte das bei stärkerem Wind und auch immer an der dem Wind zugewandten Seite. War es nicht kalt genug, wurden meine Isolierschichten unter der Jacke schnell feucht. Auch mit einer Softshell-Jacke aus der Summit-Serie von The North Face wurde ich nicht richtig glücklich.

Der Wunsch nach einer besseren Lösung entstand. Die Jacke sollte Wind sehr gut abhalten, extrem diffusionsoffen („atmungsaktiv“) sein und mit genug Platz geschnitten. Schnell führte die Recherche zu klassischen Baumwolljacken, wie sie schon Scott und Amundsen getragen haben sollen.

Die klassische Jacke für den Winter im Fjell

Die Suche in verschiedenen Foren führte immer wieder zu skandinavischen Modellen aus technischer Baumwolle. Zu nennen wären hier vor allem:

  • Bergans Morgedal Anorak
  • Klättermusen Rimfaxe oder Einride Jacken
  • Norrønna Svalbard Anorak (früher noch Amundsen-Arktis?)
  • oder von der tschechischen Marke Tilak der Odin Anorak

Bei all diesen Modellen fällt auf, dass sie entweder technische Baumwolle als Mix oder Etaproof als Material verwenden und eher als Schlupfjacke konzipiert sind. Etaproof ist extrem fein gewebt und quillt bei Feuchtigkeit etwas auf. Dadurch wird das Material für eine ganze Weile wasserdicht.

Leider waren mir die Jacken von Bergans und Norrøna nicht tauglich genug für den Wind im Winterfjell, weil die Öffnungen der Jacke nicht gut genug abgeschlossen haben. Auch die Abdeckleiste der Reißverschlüsse war mir nicht funktional genug. Die Jacke von Tilak gefällt mir gut, war mir aber zu kurz geschnitten. Und die wunderschönen Modelle von Klättermusen bleiben für meine Verhältnisse leider unbezahlbar. Ich beschloss also, mich selbst an ein Nähprojekt zu wagen

Schnittmuster und Vorbereitung

Ich konnte nicht nähen und saß vor diesem Projekt auch noch nicht oft an einer Nähmaschine. Deswegen konnte ich den tatsächlichen Aufwand weder einschätzen, noch wusste ich, womit ich am besten anfange. Glücklicherweise bin ich dann bei extremtextil auf ein Schnittmuster gestoßen, welches vielversprechend aussah. Ich bestellte zunächst nur das Schnittmuster mit dem Plan, aus billiger Baumwolle von IKEA einen Prototypen zu nähen.

Das Schnittmuster ist wirklich großartig, ließ sich leicht auf meine Größe zuschneiden und auf die Baumwolle übertragen. Um nachher noch genug Schichten unter die Jacke zu bekommen, habe ich eine Kleidergröße größer gewählt. Auch das Nähen klappte nach kurzer Einweisung durch eine Hobbynäherin erstaunlich gut.

Schon beim Prototypen kamen mir weitere Ideen und Wünsche, was mir an meiner späteren Jacke wichtig sein sollte.

MYOG Anorak Prototyp oder der letzte Jedi? (Foto: M. Hübner)

Die Anforderungen

Mein Anorak sollte auf jeden Fall folgende Eigenschaften haben:

  • Material soll Etaproof sein
  • eine große Brusttasche mit Reißverschluss und Abdeckleiste haben
  • eine weitere Stautasche für Handschuhe unter dem Pulka- oder Rucksackgurt haben
  • die Kapuze sollte ideal schließen und mit einem Draht formbar sein
  • unten sollte die Jacke bis über das Gesäß gehen und gut abschließen
  • die Ärmel sollten gut abschließen
  • möglichst keine Klettverschlüsse haben, da diese leicht vereisen
  • der Zipper oben sollte zum Lüften gut zu öffnen sein
  • im Zweifel auch Platz für mehrere Schichten darunter bieten

Hinzu kamen beim Nähen ein paar kleine Ideen:

  • Tankas sollten alle handschuhtauglich sein
  • in der Brusttasche sollte ein D-Ring zum befestigen des Kompass sein
  • ein Kojotenfell für die Kapuze, was man aber abknüpfen kann

Beim Zuschneiden habe ich geschwitzt

Nachdem ich alles Zubehör und den Stoff bei extremtextil bestellt habe, konnte ich das Schnittmuster auf den nun deutlich teureren Stoff (ca. 35 Euro pro lfm) übertragen. Die ersten Schnitte waren folglich mit feuchten Händen verbunden. Hatte ich auch nichts falsch gemacht? War es die richtige Größe? Jetzt bloß konzentrieren. Doch schließlich ist alles gut gegangen.

Das Ergebnis: ein wunderschöner Etaproof-Anorak


(alle Fotos: Malte Hübner)

Erkenntnisse:

  • auf jeden Fall beim Schnittmuster eine Nummer größer wählen, als man sonst trägt, damit genug drunter passt
  • Etwas Zeit mitbringen: Prototyp 12 Stunden, Jacke über 30 Stunden Arbeit für mich als Anfänger
  • Geld kostet das ganze trotzdem: 200 Euro sollte man einplanen, wenn man alles außer der Nähmaschine noch neu kaufen muss; davon ist der Stoff bereits mehr als die Hälfte
  • Nähen ist kein Hexenwerk, aber sich in Themen wie Unterfadenspannung und Stichweite einzulesen, schadet nicht
  • Nite Ize Gear Tie eignet sich hervorragend für den Kapuzenschirm, der sich dadurch perfekt anpassen lässt
  • Ein Etaproof-Anorak ist deutlich diffusionsoffener („atmungsaktiver“) als eine Hardshell

Das kritische Thema Pelz

Echtes Fell zu verwenden, fiel mir zunächst schwer. Das Tragen von Pelz wird von Tierschützern zu Recht kritisch angemahnt. Bei Lifestylejacken sollte wirklich auf Kunstfell gesetzt werden. Gleichzeitig neigt der richtige Pelz im Winter deutlich weniger zum Vereisen als Kunstpelz, weil er weniger Feuchtigkeit aufnimmt. Auf dem Foto oben ließ sich der Reif einfach abklopfen. Und ein Fellrand an der Kapuze bietet einen enormen Komfort, weil er ein Luftpolster vor dem Gesicht hält und vor Seitenwind schützt.

Ich habe mich daher dazu durchgerungen, nur nach gebrauchten Pelzen zu schauen und nur im vertrauenserweckenden Fachhandel zu kaufen. Mein Silberfuchspelz hat dann leider auch nach vielen Jahren im Schrank gerochen. Mit einem Bad in trockenem Kaffeepulver und Einfrieren für ein paar Tage ließ sich der Geruch aber vollständig beseitigen.

Und schaffst du das auch?

Wenn du nicht zwei linke Hände besitzt und auf eine gute Nähmaschine Zugriff hast, wäre es eine Überlegung wert. Ich habe damals die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr für das Projekt genutzt, allerdings auch jeweils fast den ganzen Tag daran gesessen.

Wenn du Fragen zu Details hast, kannst du mir gerne eine Nachricht senden oder einen Kommetar schreiben.

7 Kommentare zu „Etaproof-Anorak selbst genäht

  1. Wow ich bin total inspiriert! Da ich auch schon die Erfahrung gemacht habe, dass normale Hardshelljacken nicht immer atmungsaktiv sind, wenn es richtig kalt ist…. Danke fürs Mutmachen, solch ein Projekt mal anzugehen.

    1. Das freut mich, wenn es dich inspiriert. Wenn du Fragen hast, versuch ich gerne, zu helfen. Wenn du näherfahren bist, brauchst du nur Zeit. Mein nächstes Projekt wäre ein Etaproof Cap wie das Rimfaxe von Klättermusen. Oder eine Etaproof Hose? 🙂

  2. Ein sehr schönes Projekt und wunderbar umgesetzt! Viel Freude mit der fertigen Jacke! Ich bin tief beeindruckt von deinem Ergebnis, v.a. als relativer Nähneuling, ganz großes Kino! Auch wenn so ein Projekt durchaus seinen Preis hat, ist schon allein die Möglichkeit das Kleidungsstück den eigenen Bedürfnissen und Ansprüchen (und dem eigenen Körper) anzupassen jeden Cent wert. Ich muss mir auch immer gleich beim Nahen Notizen machen, was ich bei der nächsten Version anders und hoffentlich besser machen kann. Und wenn am Ende so ein tolles Stück raus kommt wie bei dir, dann darf man beruhigt sehr stolz sein.
    Vielleicht gibt es ja mal einen Einsatzbericht zu dem tollen Anorak.

    Viele Grüße,

    Marcus

    1. Wow, vielen Dank für das Kompliment! Ich bin wirklich stolz, zumal es auf dem Weg dahin Höhen und Tiefen gab. Habe oft genug alles dreimal duchgedacht vor Angst, etwas falsch zu machen. Wenn es einfach ist, kann es ja aber jeder.
      Den Preis ist es vollkommen wert. Inzwischen war ich ja zweimal damit auf Tour. Die Ärmelbündchen innen würde ich etwas verbessern, um sie noch dichter zu bekommen. Tatsächlich besteht die Möglichkeit auch noch. Sonst habe ich tatsächlich noch nicht so viel, was ich ändern würde. Leider habe ich damals beim Nähen noch nicht an diesen Blog gedacht, sonst hätte ich die Schritte genauer dokumentiert.

      Bist du schonmal ein Nähprojekt angegangen?

      Viele Grüße
      Malte

    1. Hallo Jonas,
      vielen Dank für das Lob. Aus deinem Mund ist es besonders viel wert!
      Ich habe eben erst gesehen, dass du Naturebase nicht in der alten Form weiterführst. Da habe ich wohl zu meinem Beitrag nicht sorgfältig gegoogelt. Ich bin nur damals immer um dein Modell herumgeschlichen bis ich mich dann doch getraut habe, selsbt zu nähen.

      Danke für deine beiden Tipps zu Alternativen und alles Gute für die kommenden Projekte!
      Viele Grüße, Malte

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