Abwettern im Zelt bei Schneesturm

Beim Abwettern im Zelt sorgten die Teelichte für ein wenig gefühlte Wärme
Beim Abwettern im Zelt sorgten die Teelichte für ein wenig gefühlte Wärme (Foto: Lutz Grünke)

Den ganzen Tag Abwettern im Zelt. Der Wind peitscht durch das Fjell. An Weiterlaufen ist nicht zu denken. Und eigentlich ist es nur im Schlafsack warm genug. Was macht man in so einer Situation?

Auf unserer diesjährigen Tour hatten wir an der Hälfte aller Tage Windgeschwindigkeiten bis zu 15 Metern pro Sekunde. An einem Tag mit Spitzen von 21 m/s haben wir uns dann für das Abwettern im Zelt entschieden und sind nicht weitergegangen. Ich möchte dieses Erlebnis zum Anlass nehmen, ein wenig über das Abwettern zu schreiben.

Was heißt Abwettern im Zelt?

Der Begriff Abwettern kommt eigentlich aus der Seefahrt und eine passende Definition dafür lautet:

Abwettern bezeichnet strategische und taktische Maßnahmen sowie Verhaltensweisen, um in einem Sturm und/oder bei schwerer See Beschädigungen und Gefahren für ein Seefahrzeug sowie dessen Ladung und Besatzung zu vermeiden. Priorität haben Maßnahmen zur Abwendung von Gefahr für Leib und Leben. [Wikipedia]

Unter den strategischen Maßnahmen versteht sich in der Seefahrt, dass Schlechtwettergebiete gemieden werden und bei nahendem Unwetter ein sicherer Hafen angefahren wird.

Übertragen auf Wintertouren heißt das für mich, rechtzeitig Schutz vor schlechtem Wetter zu suchen oder gar nicht erst loszugehen. Abwettern bedeutet, nicht weiterzugehen, sondern sich selbst zu schützen und keiner unnötigen Gefahr auszusetzen. Rechtzeitig heißt, die Hütte möglichst noch vor dem Sturm aufzusuchen oder ohne erreichbare Hütte wenigstens das Zelt stabil zu verankern und alles auf das Unwetter vorzubereiten.

Unter den taktischen Maßnahmen versteht die Seefahrt verschiedene Arten, mit dem Sturm oder gegen ihn an zu fahren.

Hier ist der Vergleich mit Wintertouren in Skandinavien eher im übertragenen Sinne möglich. Bist du erst einmal in einen Sturm geraten oder ist der Wind unerwartet stärker geworden, musst du einen klaren Kopf bewahren. Frontal in den Sturm zu laufen, ist deutlich anstrengender als mit dem Wind im Rücken. Im Zweifel kann ein Kurswechsel also sinnvoll sein, wenn es dort eine Hütte gibt. Ansonsten solltest du dich fragen:

Ist es für den Zeltaufbau schon zu spät?

Dann hast du hoffentlich einen Windsack als Notausrüstung dabei oder kannst dich in eine Wechte eingraben. Eine konkrete Windgeschwindigkeit, bei der ein Zeltaufbau nicht mehr möglich ist, lässt sich schwer beziffern. Lassen sich die Heringe gut verankern oder musst du im Pulverschnee wühlen? Kommt der Wind dauerhaft oder gibt es Windböen mit -pausen? Was für ein Zelt hast du? Als Richtwert wird es über 20 m/s eher eine Sache für Profis sein.

Auf dem Weg zur nächsten Hütte zum Abwettern
Auf dem Weg zur nächsten Hütte zum Abwettern (Foto: Lutz Grünke)

Ist der Zeltaufbau noch möglich?

Vielleicht findest du eine etwas geschützte Stelle, wo ein kleiner Hügel, ein Strauch oder ein Fels dir etwas Schutz bieten? Oft reicht wirklich schon ein kleines wenig Deckung für den Aufbau. Die richtige Zeltplatzwahl bei Wind und Sturm solltest du daher immer mitdenken. Und im Idealfall ist der Zeltaufbau dann bereits Routine und jeder in der Gruppe kennt die nötigen Handgriffe. Zu schnell ist sonst ein Beutel weggeflogen, ein loser Hering ausgerissen oder ein Gestängebogen gebrochen.

Wie verhalte ich mich richtig?

Für mich steht es fest: Wenn sich für das Abwettern der Aufenthalt auf einer Hütte anbietet, bevorzuge ich diese klar vor dem Zelt. Es ist ruhiger, ich kann mich frei bewegen, meine Kleidung trocknen, oft auch mich waschen und vieles angenehme mehr. Das ist die sichere Variante. Und es schadet daher erfahrungsgemäß nie, einen Puffertag für Schlechtwetter einzuplanen. Dann kannst du diese Zeit auch genießen.

Für den Hüttenaufenthalt muss das Unwetter aber absehbar gewesen sein. Ständige Wetterbeobachtung oder idealerweise ein verlässlicher Wetterbericht von YR.no (Norwegen) oder SMHI.se (Schweden) helfen dir dabei. Und natürlich muss es Hütten in der Nähe geben, die du ansteuern kannst. Auf der Seite UT.no findest du eine gute Übersicht über die norwegischen Hütten des DNT und beim schwedischen STF gibt es ebenfalls eine Hütten-Karte.

Und wenn ich im Zelt abwettern muss?

Für diesen Fall solltest du vor allem Ruhe bewahren und dich auf dein Wissen und Können besinnen:

  • Richte das Zelt gut zum Wind aus. Vor allem bei Tunnelzelten ist dies die halbe Miete.
  • Kontrolliere regelmäßig, ob alle Heringe fest sitzen und die Leinen gespannt sind.
  • Befreie das Zelt zwischendurch von angesammelten Triebschnee, auch nachts.
  • Horche auf den Wind und die Geräusche des Zeltes: Wenn es sich plötzlich ändert, könnte sich etwas gelöst haben.
  • Zieh dich warm genug an, wenn du das Zelt verlassen musst. Du kühlst im Wind sonst schnell aus.
  • Sichere alle Gegenstände rund um das Zelt. Am besten nimmst du bis auf die Pulka alles mit in die Apsis. Auch die Schaufel nützt dir beim späteren Ausgraben nur im Zelt.
  • Bring deinen Kreislauf ab und zu durch ein paar Sit-ups in Gang, damit du nicht zu schnell frierst.
  • Brich nicht im Sturm auf, auch wenn du dadurch im schlimmsten Fall deinen Rückflug oder deine Rückfahrt verpasst.
  • und wie immer: Don’t panic! Es geht vorbei.

Was hingegen nicht so gut geholfen hat, ist das gemeinsame Rufen von „F*ck dich, Sturm“ in Anlehnung an einen mittelmäßigen Film über einen Teddy.

Tagsüber herumliegen im Schlafsack, alles andere wäre zu kalt
Tagsüber herumliegen im Schlafsack, alles andere wäre zu kalt (Foto: Malte Hübner)

Womit kann ich mich beschäftigen?

Auf einer Hütte hat man sehr viel mehr Möglichkeiten als im Zelt. Auf großen Hütten wird einem wahrscheinlich nicht langweilig. Im Zelt liegt man hingegen die meiste Zeit im Schlafsack, weil es nur darin warm genug ist.

Da mir das Geflatter der Zeltbahn oder das Klingeln der Reißverschluss-Schieber nach ein paar Stunden mächtig auf den Zeiger geht, höre ich oft Musik vom MP3-Player mit Kopfhörern. Hörbücher bieten sich ebenfalls an. Auch ein echtes Taschenbuch habe ich eigentlich immer im Gepäck. Meinem ebook-Reader traue ich die Kälte nicht zu, aber viele haben damit gute Erfahrung gemacht. In einer Gruppe kann man sich sonst abwechseln, wenn der eigene Lesestoff ausgeht.

In netter Gesellschaft kann man auch Karten spielen, sich unterhalten oder hat hoffentlich einen guten Geschichtenerzähler dabei. Alleine kann man gut kleinere Reparaturen wie Näharbeiten im Zelt durchführen.

Für die Lebensmittel- und Brennstoffvorräte ist so ein Pausentag dafür in der Regel eine kleine Katastrophe. Vielleicht kennt ihr das: Man isst sich so durch den Tag. Plane also immer einen kleinen Puffer in deinem Proviant ein.

Gelangweiltes Mittagsschläfchen in der Apsis
Gelangweiltes Mittagsschläfchen in der Apsis (Foto: Lutz Grünke)

Welche Erfahrungen hast du mit Abwettern im Zelt gemacht?

So richtig katastrophales Wetter habe ich bisher (zum Glück!) in Hütten abgesessen. Ein Tag im Zelt wegen Wind ist aber durchaus normal auf einer längeren Tour. Dank unserer konservativen – andere würden vielleicht sagen „vorsichtigen“ – Zeitplanung haben wir dafür aber einfach einen Pausentag genutzt. Das schlechte Wetter haben wir bisher immer kommen sehen. Manchmal ist es dann doch schwächer ausgefallen als unsere Vorhersage und wir konnten weiter ziehen.

Mich würde daher interessieren, wie ihr das so macht. Fragt ihr auf jeder Hütte nach dem aktuellen Wetterbericht oder nutzt ihr inzwischen sogar einen Garmin inReach für Wetterupdates? Oder seid ihr einfach sicher im Wolkenlesen? Worüber denkt ihr nach, wenn ihr stundenlang im Zelt liegt? Was war die längste Zeit, die ihr auf Wintertour durch das Wetter ins Zelt verbannt gewesen seid?

Jetzt bist du an der Reihe. Siehst du etwas anders oder möchtest es ergänzen, dann freue ich mich über deinen Kommentar.

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