Eine Durchquerung der Hardangervidda im Winter ist der Traum von vielen Wintertour-Menschen. Das liegt vielleicht auch daran, dass die Gegend in Südnorwegen aus Mitteleuropa so gut erreichbar ist. Neben ausgedehnten Skitouren auf Fjellskiern ist Snowkiten auf den zugefrorenen Seen beliebt. Dennoch kann die Hochebene sehr fordernd und kräfezehrend sein und sollte nicht unterschätzt werden. Wie sehr alles am Ende vom Wetter abhängt, haben Olivia und Fabian gemerkt, die ihre erste längere Wintertour für diesen Toursteckbrief zusammengefasst haben.
Gesamtlänge: ca. 120-140 km
Etappen: Für gut trainierte in 7 Etappen, mit Zelt und Pulka eher 9 Etappen
Wegmarkierungen: in der Saison wintermarkiert
Beste Reisezeit: März und April; kurze Öffnungszeiten der Hütten im Süden
Landkarte: Fjellkart CK47 (1:100.000)
Tourcharakter:
- als reine Hüttentour mit teils langen Etappen machbar, also nur für erfahrene Menschen
- bei guten Bedingungen anfängertauglich, aber nur bei gutem Training vorab
- wegen der langen Distanzen eher nicht für Schneeschuhe geeignet
- obwohl ein Klassiker, nicht überlaufen (nur Ostern kann es voller werden)
- keine Rundtour (aber jeweils gute Verbindungen nach Oslo)
- mit Backuptagen für Schlechtwetter und Anreise empfehle ich zwei Wochen Urlaub
Besonderheiten:
Oft hört man, dass in der Hardangervidda bereits die Polarforscher Nansen und Amundsen für ihre Expeditionen trainierten. Das liegt daran, dass die Bedingungen in der Hardangervidda der Arktis gleichen können: plötzliche Wetterwechsel, viel Wind, kein schützendes Dickicht und tiefe Temperaturen. Andererseits gibt es seit vielen Jahren ein gutes Hüttennetz und einige Routen kreuz und quer über die Hochebene. Bei den üblichen Bedingungen würde ich die „Vidda“ daher als gerade noch anfängerfreundlich bezeichnen. Ich habe sie aber auch schon von der anderen Seite kennengelernt. Als absoluter Neuling empfehle ich dir daher sicherheitshalber, dich einer geführten Tour der zahlreichen Anbieter anzuschließen oder kleiner zu starten.
Anreise und Abreise:
Zwar ist die Anreise in die Hardangervidda gut mit dem Auto möglich, da aber die Durchquerung keine Rundtour ist, bietet sich von Oslo Bus und Bahn an. Wie du mit Flugzeug, Zug oder Fähre am besten nach Norwegen gelangst, erkläre ich im Beitrag zur Anreise zur Wintertour.
Von Oslo aus musst du dann entscheiden, ob du von Süd nach Nord laufen möchtest oder umgekehrt. Bei beiden Varianten kannst du die letzte Nacht vor der Abfahrt in der Hütte am Zielort verbringen. So hast du nicht nur die Möglichkeit zu einer heißen Dusche, sondern auch ein wenig Puffer.
Der Start im Süden liegt in Haukeliseter, wohin der Haukeliexpressen direkt vom Busbahnhof in Oslo fährt. Die Pulkamitnahme ist im großen Bus in der Regel kein Problem. In Finse findet sich der berühmte Bahnhof mit Direktanschluss nach Oslo. Für den Zug ist ein „Pulkaticket“ (ähnlich einer Fahrradkarte) nötig. Damit fährt es sich aber unkompliziert und das Personal ist Pulkas gewöhnt.
Bei der Tour von Nord nach Süd gibt es die gleichen Verkehrsmittel in umgekehrter Richtung.
Etappenbeschreibungen
Es gibt in der Hardangervidda mehre Hütten, einige davon sogar bewirtschaftet oder mit kleinem Proviantregal. Das spart Reisegepäck, wobei bediente Hütten natürlich auch ihren Preis haben. In der Hauptreisezeit um Ostern wünschen sich der Norwegische Tourismusverband und die privatwirtschafltichen Betreiber Vorbuchungen der Übernachtungen. Wie sinnvoll das ist, wenn sich wegen des Wetters mal etwas verschiebt, kann niemand richtig sagen. Mobilfunknetz zum Umbuchen hast du vielerorts nicht. Bei einem plötzlichen Wetterumschwung wirst du aber immer irgendwie unterkommen.
Die Etappenlängen zwischen den Hütten sind teilweise so lang, dass sie nicht mehr unbedingt anfängertauglich sind und nur für geübte Skifahrerinnen und -fahrer umsetzbar. Folglich bist du auf dein Zelt und alle Ausrüstung zum Schlafen in ihm angewiesen, was dich unabhängig von den Hütten macht. Betrachte Hütten lieber als angenehme Erweiterung deiner Möglichkeiten und als Backup.

Durchquerung der Hardangervidda im Winter
Jetzt gibt es also kein Zurück mehr. „Haukeliseter eller Døden“ (Anlehnung an das Motto „Vestkysten eller Døden“ „Die Westküste oder der Tod“ von F. Nansen bei der Grönlandüberquerung 1888) möchten wir zwar noch nicht als Credo ausgeben, aber wir stehen in Finse am Bahnhof, um uns herum tobt ein Schneesturm und auf den sind wir noch nicht so richtig vorbereitet.
Während der Zugfahrt von Drammen hatten wir etwa zwei Stunden vor unserer Ankunft in Finse noch einen kurzen Austausch von Nachrichten mit Malte.
Malte: „Startet ihr heute noch? Ist ja nicht das optimalste Wetter.“
Olivia: „Das Wetter ist super und wir genießen die Panoramafahrt im Bummelzug.“
Was wir da noch nicht wussten: Malte hatte seinen Eindruck von der Webcam in Finse Stasjon. Diesen Eindruck spüren wir dann höchst direkt, als wir auf den einsamen Bahnhof stolpern.
1. Etappe: Finse – Krækkja (22 km)
Nun stehen wir also da, suchen die Hardshell Hosen aus den Tiefen der Pulkas, packen die Schneebrillen und die dicken Handschuhe aus und stapfen los. Anhalten. Gurt nachjustieren. Weiterlaufen. Anhalten. Foto machen. Weiterlaufen. Und so gehen wir dann in der typischen anfänglichen Einfindungsphase die ersten Schritte hinaus in die Weiten der Vidda. Es macht fast den Anschein, als wolle sie uns direkt mit ihren Kräften begrüßen und an eine demütige Haltung erinnern.

Mit uns ausgestiegen waren übrigens das offensichtlich eingespielte norwegische Touren-Duo Marius und sein Hund Lando. Als wir loslaufen, können wir stellenweise noch ihre schon wieder verschwindenden Spuren im Triebschnee ausmachen.
Der erste Tourtag ist direkt eine Reifeprüfung. Den Plan, ein paar Kilometer zu laufen und zwischen Finse und der Hütte Krækkja zu übernachten, geben wir recht bald zugunsten der Hüttenübernachtung auf. Aber bis dahin wollen gute 22km in Wind und Schneetreiben, sowie der vermutlich steilste Anstieg der gesamten Route überwunden werden. Dafür, dass wir erst gegen halb 12 losgehen konnten eine ambitionierte Etappe. Entsprechend erschöpft erreichen wir dann als Vierergespann (Marius und Lando hatten wir zwischenzeitlich eingeholt) die Hütte. Die heiße Dusche und das Abendessen spenden uns wieder neue Lebensgeister.
2. Etappe: Krækkja – nahe Stigstuv (19 km)
Nach einer angenehmen ruhigen und langen Nacht zeigt sich der nächste Morgen deutlich freundlicher. Wir fassen den Plan, vor dem neuerlichen Wetterumschwung das Zelt aufzustellen, und haben einen zwar zunehmend windigen und überraschend hügeligen, aber eben auch sonnigen Vormittag. So sind dann ganz andere Seiten der Vidda erlebbar, wie die besondere Ruhe und das Glänzen der Sonne auf dem Schnee. Unterwegs überqueren wir die Nationalstraße 7 bei Halne, die einige Snowkiter angelockt hat. Wir beneiden sie sehr um ihr Tempo und die Einfachheit, mit der sie die Hügel hochfahren.

Gegen 15 Uhr erreichen wir unser Tagesziel. Der Wind ist stärker geworden und die ersten Schneeflocken schwirren um uns herum. Nach einer kurzen Diskussion über die optimale Ausrichtung des Zeltes können wir es gerade noch rechtzeitig auf der erstbesten windgeschützten, ebenen Fläche aufstellen. Als Olivia enthusiastisch den Sitzbereich im Vorzelt ausgräbt, stößt sie recht bald auf Wasser. Ein etwas verwirrter Blick auf die Karte bestätigt, die ebene Fläche ist ein zugefrorener See.
Tja, nochmal alles umziehen oder das Loch wieder zuschaufeln und sich gut zureden? Die Bequemlichkeit siegt über die Vorsicht. Etwas unheimlich ist uns trotzdem und der starke Wind trägt nicht gerade zu einer erholsamen Nacht bei. Unsere Schlafsäcke, in die wir gegen 17 Uhr nach einem frühen Abendessen schlüpfen, verlassen wir bis 7 Uhr am Folgetag nicht mehr.
3. Etappe: nahe Stigstuv – Besso (22 km)
Beim Aufbruch stellen wir fest, dass der Zeltplatz gar nicht so schlecht war. Der See hat gehalten und wir standen ganz offensichtlich im Lee. Glück gehabt. Gleichwohl müssen wir unser Zelt zum Abbau ausgraben.
Etwas später holen uns Marius und Lando kurz vor Sandhaug wieder ein. In Sandhaug gibt es die größere bediente und eine kleinere unbewirtschaftete Hütte, die etwas abseits liegt. Grund dafür soll sein, dass die große Hütte so von einem Feuer in der unbedienten Hütte verschont bliebe und umgekehrt.
Nach einer gemeinsamen Mittagspause dort beschließen wir, noch ein Stück zusammen weiterzugehen und campen schließlich etwas oberhalb der Hütte Besso. Dieses Mal erwartet uns eine ruhigere Nacht. Marius, dessen Ernährungsplan für die Tour ausschließlich Turmat vorsieht, freut sich sehr, als wir ihm noch eine Portion Kartoffelpüree mit Erbsen, Pilz-Pfeffersauce und Unmengen Röstzwiebeln anbieten.
4. Etappe: Besso – Litlos (19 km)
Irgendwie über Nacht zu einer Gruppe geworden, gehen wir dann auch am nächsten Tag zusammen weiter und erreichen schon gegen Mittag Litlos. Das Wetter ist mittlerweile wieder so ungemütlich (nur knapp negative Temperaturen und starker Wind bei anhaltendem Schneefall), dass wir uns entschließen in der Hütte zu übernachten und die Gelegenheit zu nutzen, unsere Ausrüstung zu trocknen. Und dabei nicht zuletzt auch die Geselligkeit beim Hüttentratsch zu genießen.
Trotz, oder wegen, der kurzen Etappe bekommt Fabian noch eine coole Überraschung zum Geburtstag. Er schafft es, Marius zu überreden, den Eisbohrer, den er über die ganze Hardangervidda transportiert, wenigstens einmal zu benutzen. So bekommen wir noch eine kurze Einführung ins Eisfischen. Die Fische haben heute wohl keinen Hunger auf die tatsächlich noch lebenden Maden und ein Fang bleibt aus. Eine tolle Erfahrung ist es trotzdem!
Zum Abendessen gibt es dann statt Fisch „Skinkegrateng“ (ein Haufen Schinken in einer Soße überbacken). Wir sind uns bis heute noch nicht sicher, was wir von diesem Gericht halten sollen. Energie beinhaltet es zumindest zuhauf und es liegt einem lange im Magen.
Litlos ist zwar eine größere Hütte als Hellevassbu und sogar eine bediente Hütte mit Dieselgenerator, aber hier greift der Schutz der Rentiere. Der Umfang des Angebots dieser Hütte steht daher immer wieder zur Debatte. Es wäre im Zweifel eine Überlegung wert, den Schlenker Richtung Litlos auszulassen und auf eigenen Faust abzukürzen und irgendwo zwischen Besso und Hellevassbu zu zelten.

5. Etappe: Litlos – südl. von Hellevassbu (22 km)
Das Frühstück kann sich wirklich sehen lassen und sättigt uns mehr oder minder den ganzen Tag. Die ersten Kilometern über den See Kvennsjøen laufen sich wie von selbst, während sich der erste Anstieg des Tages wie eine bedrohliche weiße Wand vor uns aufbaut. Während Olivia elegant im Fiskebein den Aufstieg meistert und andere einfach ihre Ski abschnallen und zu Fuß hochlaufen, wählt Fabian die Taktik, Krafteinsatz, Pulka umschmeißen und Fluchen. Sicherlich nicht die effizienteste Variante.
Etwas später, bei der Abfahrt nach Hellevassbu beschimpft dann auch Olivia erstmals ihre Pulka. Die Beschleunigung geht etwas schneller als erwartet und einige Stürze später ist das Zuggestänge reparaturbedürftig.
Trotzdem entschließen wir uns nach einer kurzen Erholung auf der Hütte auch heute noch ein bisschen weiter zu gehen und so schonmal etwa hundert der gut 350hm der letzten Etappe nach Haukeliseter vorwegzunehmen.
Die Hütte Hellevassbu steht übrigens ebenfalls grundsätzlich zur Diskussion. Eine Schließung würde ein größeres zusammenhängendes Rückzugsgebiet für Rentiere schaffen und die Tourismusströme weiter in den Osten verlagern. Wer weiß also, wie lange es hier noch eine Hütte gibt.
6. Etappe: südl. Hellevassbu – Haukeliseter (26 km)
Am wunderbaren Morgenhimmel ist die Schlechtwetterfront schon deutlichst zu erkennen. Und sie bewegt sich auf uns zu. Die immer weiter abnehmende Sicht bereitet uns zunehmend Schwierigkeiten, wobei nicht gerade hilft, dass ein großer Teil der Strecke nicht markiert ist. Auf dem Årmotsvatni ist dabei besondere Vorsicht geboten, da am westlichen und östlichen Ufer das Eis hier wegen unterirdischer Wasserkraftanlagen unsicher sein kann.
Ebenfalls schwer sind die Aufstiege. So kämpfen wir uns durch den lockeren Schnee, in den die Pulka viel zu tief einsinkt und selbst der Fiskebein Gang nicht hält, langsam immer höher. In diesem Moment sind wir sehr dankbar, dass wir gestern, in weiser Voraussicht, bereits einige Höhenmeter absolviert hatten. Der letzte Gipfelmoment der Tour erweist sich gleichzeitig als Tiefpunkt der Etappe. Fabian verliert auf dem letzten Pass einen der kleinen Karabiner, mit denen die Pulka am Gurt befestigt wird, im Schnee und während der kurzen, glücklicherweise erfolgreichen Suche, verschwindet Marius im Nebel.

Die Abfahrt und letzten lang erscheinenden Meter nach Haukeliseter sind leider nicht wirklich ein Spaß. Für Olivia mit begrenzten Abfahrtskünsten ist im Zusammenspiel mit den den Anstrengungen der vergangenen Tage eine körperliche und mentale Grenze überschritten. Für Fabian stehen dem Spaß eine extra beladene Pulka und Betreuung von Olivia im Weg.
Trotz allem kommt das Erreichen von Haukeliseter dann etwas abrupt. Das kann doch nicht der Abschluss sein! Die Stimmung ist etwas belegt, aber Burger und herausragend gutes Gebäck, können sie wieder etwas heben.
Für Marius und Lando geht es von hier wieder Heim. Für uns geht es in den Schlafsaal.
Als wir mit unseren Pulkas dort ankommen, sitzen dort schon zwei ebenfalls ziemlich erschöpft aussehende Männer in einem großen Haufen Ausrüstung. Sie entschuldigen sich und bieten an, ihren Kram zur Seite zu räumen, aber ein kurzes: „No worries, we’re about to do exactly the same!“ von Fabian klärt die Situation. So teilen wir den Platz im Schlafsaal zunächst Hälfte-Hälfte und räumen nach und nach Platz für die weiteren ankommenden Gäste frei.
Im Laufe des Abends stellte sich heraus, dass es sich bei den beiden Polen um hauptberufliche Reisefotografen und Guides handelt, die jede Menge Erfahrung mit Reisen in arktische und antarktische Regionen haben. Die Chance, sie mit Fragen zu löchern nehmen wir natürlich gerne wahr.

Bonusprogramm 7. und 8. Etappe: Haukeliseter – Hovden (45 km)
So verspeisen wir am nächsten Morgen noch gemeinsam weitere Zimtknoten, bevor wir zum Wellness Programm übergehen. Den ersten richtigen und dringend benötigten Pausentag der Tour verbringen wir damit unser Gepäck nochmal neu zu packen, kleine Skiausflüge ohne Pulka und Rodelabfahrten zu absolvieren und mit herrlicher Aussicht in der Sauna. So lässt es sich gut aushalten.
Weil es Fabian noch nicht genug Tour war, und Olivia sowieso Freunde in Hovden treffen möchte, hängen wir noch zwei Tage dran. Auf dem Weg Richtung Holmavatnhytta macht sich die Erholung bezahlt, wir biegen schon vor der Hütte auf den See ab und absolvieren einen guten Teil der nächsten Tagesetappe gleich mit. Nach gut 28km und über 400hm sind wir trotzdem ziemlich geschafft und froh, einen halbwegs windgeschützten Platz für das Zelt zu finden.
Das letzte Stück nach Hovden zieht sich viel länger durch das Skigebiet, als wir es in Erinnerung hatten. Wir denken wehmütig zurück an die Snowkiter und überlegen schonmal, wo wir kiten lernen können. Der letzte Anstieg lässt uns nochmal deutlich spüren, dass wir auf der Tour viel weniger Proviant verbraucht hatten, als geplant. Die Abfahrt belohnt zumindest Fabian ein bisschen dafür.
In Hovden angekommen sind wir mittlerweile auch so südlich und tief, dass ein Weiterwandern im Schnee nicht mehr möglich ist. Somit ist es ein naheliegendes, aber auch passendes Ende der insgesamt neuntägigen Winter-Tour.
Takk for Turen!
PS: Auf der Rückfahrt besuchen wir noch das Fram-Museum in Oslo. Die beeindruckenden und teils waghalsigen Expeditionen der norwegischen Polarforscher der Jahrhundertwende wirken nach den ersten Wintererfahrungen sehr lebendig.
Lessons learned
Die Tour war unsere erste längere Wintertour. Das Gehen mit Pulka war für uns beide relativ neu und die Region kannten wir vorher nicht. In diesem Abschnitt möchten wir kurz beschreiben, welche Überlegungen wir vor der Tour angestellt hatten, und welche Lektionen wir unterwegs gelernt haben.
Tourgebiet
Die Hardangervidda verfügt über eine relativ dichtes Netz an Hütten und ist ein beliebtes Tourengebiet. Wir haben uns für eine Tour zur Hauptsaison entschieden, weil man so immer mal wieder andere Leute trifft und im Zweifel Hilfe nicht ganz so weit weg ist. Das ist auch aufgegangen. Wir haben an jedem Tag einige andere Tourengängerinnen getroffen.
Außerdem ist der größte Teil der Route markiert. Navigation in der Schneelandschaft ist definitiv nichts für Anfänger. Alle Hügel sehen mehr oder weniger gleich aus, was die Orientierung im Gelände deutlich erschwert. Wir würden nicht ohne GPS (zumindest auf der Uhr) losgehen.
Die Hardangervidda ist zwar eine Hochebene, aber bei weitem alles andere als flach. Auch wenn sich ca. 300 hm pro Tag erstmal nicht nach viel anhören, können sie mit Pulka bei Triebschnee schnell zu einer echten Herausforderung werden.
Zeitplanung
Dabei das richtige Gehtempo zu finden, welches allen in der Gruppe passt, ist echt nicht einfach. Geht man zu langsam, kühlt man aus, geht man zu schnell, schwitzt man zu viel und kühlt in den Pausen aus. Vor allem über mehrere Tage kann ein unpassendes Gehtempo – vor allem ein zu Schnelles! – zu zunehmender genereller Erschöpfung führen.
Pausentage alle 4-5 Tagen lassen die Kräfte merklich regenerieren!
Die Häufigkeit und Gestaltung der Pausen unterwegs ist von den Bedürfnissen der Einzelnen und Wetterbedingungen abhängig und braucht klare Absprachen. Insbesondere Wind oder Schneefall verleideten zumindest uns eine richtige Mittagspause. Stattdessen hat sich bewährt, immer nach ca. 1,5h Gehzeit eine kleine Pause zu machen, Tee und Wasser zu trinken und etwas zu essen, während man kurz auf der Pulka sitzen kann. Nach 10 bis 15 Minuten ist man dann für die nächste Runde wieder fit. Wenn das Wetter und die Tourenplanung es hergeben ist aber auch eine ausgedehntere Mittagspause mit evtl. dem Trocknen der Schlafsäcke sehr empfehlenswert.
Schnee schmelzen dauert lange. Unser Kocher brannte vom Zelt aufstellen bis zum Zubettgehen durchgehend, um das Wasser für den Abend und den nächsten Tag für zwei Personen zu erhitzen. In der Zeit sitzt immer eine(r) daneben und füllt Schnee nach oben pumpt wieder Druck auf die Benzinflasche. Ein möglichst großer Topf zum Schmelzen würde das sicherlich erleichtern.
Man braucht ziemlich viel Schlaf. Wir haben locker 9 Stunden geschlafen, auch mal 10 oder 11. Das Wetter und die körperliche Anstrengung bedürfen offensichtlich viel Erholung. Der Schlafbedarf hängt aber sicher auch an der individuellen Verfassung als auch dem Terrain, die Länge der Tourentage und dem Gehtempo.
Die Strukturierung der Tourentage ist eine essentielle Entscheidung. Grundsätzlich bietet auch das Winterfjell die Möglichkeit, es sich nachmittags/abends im Lager gemütlich zu machen mit „Unterhaltungs-Sachen“ (z.B. Lesen, gesellige Runden…). Doch dafür braucht es auch Kapazitäten. Das sollte unserer Erfahrung nach neben Gehzeit, Essen, Wasser schmelzen, Zelt auf- und abbauen mitbedacht werden.
Blasen an den Füßen
Blasen sind unangenehm und man sollte davon anzugehen, dass sie einem die Beschäftigung mit ihnen aufdrängen. Wir beide hatten trotz Anti-Blasen-Socken Probleme. Die beiden polnischen Wintertour-Erprobten Mateus und Jakob schwören auf die Reihenfolge: Tape, Sportsocke, Plastiktüte, Wärmesocke. Ungefähr das, was auch Malte hier empfiehlt. Dies können wir damit bestätigen.

Wetter
Das Wetter prägt enorm das Erleben der Tour. Das ist natürlich bei jeder Art von Tour so. Dennoch ist das Wetter im Winter auf einer Hochebene nochmal einflussreicher, weil die Bedingungen generell extremer sind, würden wir sagen. Nicht nur die Aussicht und Atmosphäre der Landschaft hängen davon ab, sondern auch die Navigation, allgemeine Strukturierung der Tourentage als auch der persönliche Energiehaushalt und Stimmung in der Gruppe. Man hat keine Wahl, als mit dem Wetter umzugehen.
In der Regel gibt es über eine mehrtägige Tour auch variables Wetter. Es ist jedoch wichtig, sich auf die Eventualitäten einzustellen, sowohl ausrüstungs- bzw. kleidungstechnisch als auch mental. Touren in der räumlichen Nähe zu Hütten bieten auch mal die Möglichkeit, aus dem Wetter rauszukommen. Das war auch ein Entscheidungsgrund für unsere Routenplanung.
Verpflegung
Mahlzeiten im Winter sind eine extra Herausforderung. Neben dem allgemeinen Fokus auf leichte und platzsparende Nahrung, ist ein geringer Wassergehalt bei Wintertouren nochmal relevanter. Wer nicht nur auf gefriergetrockentes Essen (z.B. Turmat) zurückgreifen mag, hat jedoch viele Alternativen. Es bedarf natürlich einer gewissen logistischen Strategieplanung im Winterkochzelt. Was immer geht, ist Instant-Kartoffelpüree (auf norwegisch „Potetmos“; darauf achten, dass es ein Produkt ist, zu dem man nur Wasser und keine Milch hinzufügen braucht) mit gaaanz viel Butter! Wir werden auf jeden Fall für die nächste Tour mal probieren, im Voraus im Dörrautomat Gerichte zu präparieren.
Über die Autoren
Im Tourenbericht und den Lessons Learned werden viele Basics als Selbstverständlichkeiten behandelt. Um hier keinen falschen Eindruck zu erwecken zuerst der Disclaimer: Wir kennen, so wie auch Malte, unser Material ziemlich gut und haben sowohl mit den Ski, als auch mit dem Camp-Setup Probetouren an Wochenenden unternommen.
Darüber hinaus bringen wir einiges an Outdoor Erfahrungen mit. Fabian macht größere Touren seit etwa 15 Jahren, hat diverse Wanderungen und Radtouren gemacht und ist zuletzt in die Schweiz gezogen. Unter anderem, um mehr Wintersport machen zu können.
Olivia hat zwei Auslandssemester in Kristiansand verbracht und dort Friluftsliv studiert. Dort hat sie erste Eindrücke über Wintertouren gesammelt und viel über das norwegische Fjell gelernt. Die Erfahrungen zum traditionellen Friluftslivs haben stark ihre Einstellung zum Draußen-Sein und die Art und Weise des Unterwegs-Seins geprägt.
Gemeinsam unternehmen wir seit einigen Jahren Touren und sind 2024 mit dem Fahrrad ans Nordkapp gefahren.
Das alles soll niemanden einschüchtern, sondern ein Appell sein, sich mit der gebührenden Vorsicht an das Thema Wintertouren heranzutasten.
Wenn ihr uns noch Fragen stellen möchtet, kontaktiert uns gerne über unseren Instagram Account Nordovertilnorge.
Ich danke Olivia und Fabian an dieser Stelle für Ihren kurzen Reisebericht, mit dem dieser Toursteckbrief deutlich plastischer wird. Ich bekomme beim Lesen sofort Lust, auf eine Wiederholung der Tour. Schön, dass ich euch mit einer meiner Leihpulkas unterstützen konnte.
Varianten der Durchquerung der Hardangervidda im Winter
Zum einen lassen sich Schlenker und Umwege einbauen, zum anderen lassen sich aber auch alternative Start- bzw. Zielorte wählen. Der Zug hält im Norden auch in Haugastøl, Ustaoset und Geilo, falls du die Hardangervidda mehr im Osten queren willst. Im Südosten war ein beliebtes Ziel die Seilbahnstation der Krossobanen runter nach Rjukan, von dessen Talstation eine Bushaltestelle erreichbar wäre, die dich mit einem Umstieg nach Oslo bringt. Aber die Krossobanen ist seit 2024 außer Betrieb und das bleibt vorerst auch so, weil sie instand gesetzt wird.
Falls du einen Reisebericht von einer ähnlichen Tour lesen willst, findest du einen der vielen auf Nicos Blog auf-tour.info, der darin ebenfalls gut beschreibt, wie unterschiedlich die Erwartungen und Bedingungen sein können.
Für deine weitere Vorbereitung helfen dir vielleicht noch die Beiträge zu Tourplanung und Anreise und über Apps auf Wintertouren. Mach dir auch immer Gedanken um deine Ausrüstung und Sicherheit, bevor du dich in das Abenteuer stürzt. Dazu findest du auf Winterfjell etliche Tipps. Als einen alternativen Tourenvorschlag in anderen Gebieten empfehle ich dir weitere Toursteckbriefe.
