Norge på langs im Winter – Ein Interview mit Simon på tur

Die kurzen Tage im Winter lassen keine andere Möglichkeit, als bis in die Dunkelheit zu laufen.
Die kurzen Tage im Winter lassen keine andere Möglichkeit, als bis in die Dunkelheit zu laufen. (Foto: Simon Michalowicz)

Manche halten mich für verrückt, weil ich einmal im Jahr für zwei Wochen nach Skandinavien reise, um dort auf eine kleine aber feine Wintertour zu gehen. Ich selbst halte mich natürlich für ziemlich normal und kenne inzwischen einige Menschen mit ähnlichem Interesse. Wenn ich mich unter diesen so umschaue, dann haben einige davon schon längere mehrwöchige Touren hinter sich. Mit solchen Touren sind oft große Anstrengungen verbunden.

Umso verrückter erscheint mir daher die Idee, im Winter der Länge nach durch Norwegen zu laufen. Nicht nur zwei Wochen lang, sondern gleich mehrere Monate am Stück. Simon Michalowicz hatte diese Idee. Im Jahr 2015 unternahm er zusammen mit seinem Kumpel Ulrich einen Versuch für die Winterdurchquerung Norwegens von Süd nach Nord, die anders lief als erwartet. Über diese Tour durfte ich mit ihm sprechen.

Lieber Simon, Norge på langs im Winter – was für ein Mensch kommt auf so eine Idee?

Ein ganz normaler! Man muss dazu weder Superman noch Børge Ousland sein. Ich bin halt dem Nordlandvirus verfallen, habe Norwegen im Sommer-Halbjahr zu Fuß durchquert und Gefallen an Wintertouren gefunden. Da kommt man natürlich irgendwann auch auf die Idee, dass man ja Norwegen auch im Winter der Länge nach durchqueren könnte. Das ist immerhin für Norweger nichts Neues und auch in Deutschland gibt es ja Leute, die schon solche Touren gemacht haben. Ich brauche wohl nicht extra erwähnen, dass ich Barbara gut kenne und sie uns viele Tipps bei der Vorbereitung gegeben hat.

Simon Michalowicz wagte sich an eine Wintertour durch ganz Norwegen.
Simon Michalowicz wagte sich an eine Wintertour durch ganz Norwegen. (Foto: Simon Michalowicz)

Jetzt träumen andere ihr Leben lang von so etwas wie Norge på langs und du bist es im Sommer schon zweimal gelaufen. Beweisen musst du dir also wohl nichts mehr. Was reizt dich denn an einer Wiederholung im Winter?

Derzeit nix! Beim ersten Versuch im Winter haben wir beide gemerkt, dass die ganze Sache nicht so wirklich einfach ist, wie sie vielleicht klingt. Der Winter lässt einem einfach viel weniger Spielraum voran zu kommen, wenn das Wetter mies ist oder die Verhältnisse schlecht sind. Zudem hatten wir relativ wenig Zeit für unsere Tour, was den Druck, jeden Tag soweit es nur eben geht zu laufen, erheblich gesteigert hat.

Das kling stressig. Wie unterscheidet sich so eine Wintertour noch von der gleichen Tour im Sommer? Sind es einfach nur mehr Gepäck und Ski?

Im Grunde schon! Der große Unterscheid ist vermutlich, dass man mehr aushalten muss. Sei es die ständige Kälte oder auch die Dunkelheit. Die Grenzen sind viel enger gefasst, der Spielraum geringer, alles ist krasser und anstrengender, falsche Entscheidungen haben mitunter gewaltige Auswirkungen.

Das Laufen bei Dunkelheit fordert vor allem mental.
Das Laufen bei Dunkelheit fordert vor allem mental. (Foto: Simon Michalowicz)

Wie habt ihr euch auf die Tour vorbereitet?

Wir haben das damals aufgeteilt. Mein Kumpel Ulrich hat sich um die Route und alles Drumherum gekümmert und ich habe versucht einige Materialsponsoren und so weiter zu gewinnen. Abgesehen davon haben wir uns individuell versucht fit zu machen, ich bin recht viel Laufen gegangen und Ulrich ist auch Laufen gegangen und war viel Schwimmen. Also haben wir uns eher versucht allgemeiner fit zu machen als spezifisch. Nebenher mussten wir beide ja voll arbeiten und ich habe daneben noch mein Buch geschrieben.

Und was waren für dich auf der Tour besonders wichtige Erfahrungen?

Vor allem sind mein Respekt und Demut vor den Kräften der Natur weiter gestiegen. Wintertouren sind definitiv nichts für Hasardeure und Leute ohne Respekt und Demut. Wenn ich Leute sehe, die ihre erste Wintertour ohne jegliche Wintererfahrung so krass wie möglich planen und dann nicht mal mit ihrer Ausrüstung richtig umgehen können und unterwegs ziemlich leichtfertige dumme Entscheidungen treffen, die ihnen, wenn es blöd läuft, ganz schnell das Leben kosten können, dann rollen sich mir echt die Fußnägel auf. Der skandinavische Winter kann einem zu jeder Zeit so gewaltig in den Arsch treten, das versteht man aber erst, wenn man es wirklich auch selbst mal erlebt hat.

Eine Wintertour erfordert sehr gute Ausrüstung und vor allem viel Erfahrung mit dieser.
Eine Wintertour erfordert sehr gute Ausrüstung und vor allem viel Erfahrung mit dieser. (Foto: Simon Michalowicz)

Und ich habe für mich entschieden, dass ich mir selbst nie wieder so einen krassen Zeitdruck auferlegen möchte, wie es bei dieser Tour war. Das hat mich wirklich an Grenzen geführt, die ich vorher so nicht kannte. Dafür bin ich dankbar, denn ich habe auf dieser Reise sehr viel über mich selbst gelernt.

Das klingt jetzt sehr reflektiert. Gab es auch eine Erfahrung, auf die du lieber verzichtet hättest?

Während der Tour war fast jeder Tag ein krasser Kampf. Vom Aufstehen sehr früh am Morgen über Tage mit White-Out oder fiesem Nassschnee bis hin zu Episoden, wo wir bis lange in den Abend bei völliger Dunkelheit gelaufen sind, um dann bei -30°C zu zelten. Auf dieses ständige Kämpfen und sich selbst bis über die Grenzen zu quälen aufgrund des selbst auferlegten (Zeit-) Druckes hätte ich sehr gerne verzichtet. Ich wäre jeden Tag am liebsten nach Hause gefahren! Jeden Tag!

Zu viel nasser Schnee und Lawinengefahr oder zu wenig Schnee und Ski unterm Arm... beides zum Fluchen.
Zu viel nasser Schnee und Lawinengefahr oder zu wenig Schnee und Ski unterm Arm… beides zum Fluchen. (Foto: Simon Michalowicz)

Und nach ein paar Wochen musstet ihr genau diese schwere Entscheidung treffen: Die Tour wurde früher beendet als geplant. Wie kam es dazu und wie ging es dir damit?

Unterwegs haben wir immer mehr gemerkt, dass wir uns zu viel Druck machen, da wir zu wenig Zeit für unseren Plan hatten. Alles war super geplant, aber der Winter war schlecht, wir mussten unsere Pläne anpassen, was uns stark gebremst hat. Dazu kam die mentale Erschöpfung, denn diese Tour hatte wenig mit Spaß zu tun. Wenn der Wecker am Morgen um halb sechs klingelt, du um acht Uhr aufbrichst aber es erst irgendwann um zehn hell wird, ist das keine gemütliche Tour kurz vor Ostern, wo dir beim Frühstück die wärmende Sonne aufs Zelt scheint. Und dann läufst du bis weit in Dunkelheit hinein, eben so weit es geht, und das jeden Tag ohne eingeplante Ruhetage. Da baut sich dann irgendwann ein gehöriger Druck auf, der Spaß geht flöten. Und dann bricht ein großer Sturm über ganz Nord-Norwegen herein, der alle Verhältnisse durcheinander bringt und dich eigentlich zu einer Pause zwingt, wenn du weiter gehen möchtest. Stichwort Neuschnee mit krasser Lawinengefahr. Da war klar, es macht einfach keinen Sinn mehr, weiter zu machen. Es fühlte sich eher wie eine Erlösung an als eine schwere Entscheidung.

Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.
Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen. (Foto: Simon Michalowicz)

Wie verarbeitest du so eine Enttäuschung, dass die Tour eben manchmal ganz anders läuft als der Plan? War es das Gefühl zu scheitern?

Viel Zeit zur Verarbeitung blieb zum Glück nicht. Als ich zurückkam, konnte ich direkt wieder in meinem alten Job anfangen. Zudem hatte mich damals mit den restlichen Arbeiten an meinem Buch zu tun. Die Enttäuschung hielt sich in Grenzen, vor allem auch, weil die Tour so unglaublich fordernd war. Und ja klar, mit dem Plan, Norwegen in Winter zu durchqueren, sind wir gescheitert, das ist richtig. Aber ich konnte aus dieser Tour so viele Erfahrungen ziehen, dass ich schon froh bin, dass wir es wenigstens probiert haben. Ein erfahrener Kumpel sagt vor der Tour zu uns, ihr werdet es nicht schaffen, aber zu scheitern ist auch eine gute Erfahrung bzw. Geschichte. Von daher, es ist einfach immer das, was man am Ende daraus macht.

Ist die Idee damit passé?

Erstmal schon, denke ich. Klar, die Idee, Norwegen der Länge nach im Winter zu durchqueren, ist wirklich reizvoll, aber wer sich wirklich daran versuchen möchte, sollte gut vorbereitet sein und wirklich wissen, wie man sich im Winter richtig verhält. So eine Tour ist nichts für Draufgänger. Also ich bin erstmal raus, wer es sich vornimmt, kann sich gerne melden, ich stehe immer mit Rat und Tat bereit zu helfen!

Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

Vor allem würde ich mir mehr Zeit lassen bzw. von vorneherein mehr Zeit einplanen. Und gerade für den Winter würde ich versuchen, insbesondere vom Start weg sehr viel fitter zu sein.

Det ordner seg. Eine Art Lebensmotto von Simon.
Det ordner seg. Eine Art Lebensmotto von Simon. (Foto: Simon Michalowicz)

Wie sieht es mit konkreten Plänen für eine kürzere Wintertour aus?  Oder hast du erst noch etwas anderes vor?

Konkrete (Winter-)Pläne habe ich gerade nicht, ich bin ja gerade erst wieder zurückgekommen und muss zu sehen, dass zu Hause wieder alles läuft. Aber ein paar coole Dinge stehen schon auf meiner Winter-Bucketliste. Zum Beispiel eine lange Wintertour auf dem Nordkalottleden oder Svalbard der Länge nach. Na wir schauen mal, was die Zukunft so bringt. Fürs erste würde mir schon reichen, wenn ich näher zum Winter käme und einfach am Wochenende mal kürzere Touren machen könnte. Der Norden ruft!

Herzlichen Dank, Simon, für das sehr persönliche Interview. Ich wünsche dir weiterhin viele wundervolle Touren, egal ob im Winter oder im Sommer. Es macht einfach immer wieder Spaß, von deinen Erfahrungen und Reisen zu lesen. Auch gerade dann, wenn es mal anders läuft als erwartet. So ist eben das echte Leben und ich kann viel davon lernen, wie du damit umgehst. „Det ordner seg!“ Das ist nicht nur ein norwegisches Sprichwort für mehr Gelassenheit, sondern auch dein Motto.

Wer noch mehr Lesen möchte, findet Simons Buch „Norwegen der Länge nach“ über die erste Norge på langs Tour im Sommer 2013 im Buchhandel oder klickt einfach mal in Simons Blog https://www.simonpatur.de/

2 Kommentare zu „Norge på langs im Winter – Ein Interview mit Simon på tur

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